Über den Tellerrand geschaut

Digitalisierung – Der Unfug, der eigentlich keiner ist

Clemens Lutsch

Stellen Sie sich vor, Ihnen wird die Aufgabe übertragen, in der Firma das Thema „Digitalisierung“ voranzutreiben. Und natürlich klingen Ihnen dazu die Stimmen aus Politik und Wirtschaft im Ohr. Sie haben mehr als eine Messe besucht, deren Hauptthemen, „digitale Transformation“ und „Industrie 4.0“, zuerst vollmundig angekündigt, dann aber eher dürftig aufgearbeitet worden sind. Woher kommt diese Diskrepanz? Haben wir es hier mit einer Worthülse zu tun? Einer schillernden Seifenblase ohne Substanz? Reinem Unfug?

Digitalisierung als Unfug

Ja, was ist denn nun mit dem Autor los? Das ist doch DAS Thema – der Blick auf Google Trends belegt das:

„Digitalisierung“ in Google Trends (D) in den letzten fünf Jahren [Google und das Google-Logo sind eingetragene Marken von Google Inc., Verwendung mit Genehmigung.]

Allerdings sehen wir hier ein Trend, der eigentlich eine „Black Box“ ist. Denn was genau hier gesucht wird, ist so unterschiedlich wie eben die unterschiedlichen Verständnisse von „Digitalisierung“. Es liegt nun mal keine allgemeingültige Definition des Begriffes vor. Und so kann es sein, dass je nach Interessengruppe, Anwendungsdomäne oder Industrie dieses Wort eine unterschiedliche Gestalt annimmt.

Wir alle haben so „ein Gefühl“ was gemeint ist. Aber den genauen Fokus, die genaue Abgrenzung zu anderen Themen im Umfeld IT, das explizit Eigene von Digitalisierung – diese Benennung ist nicht einfach. Aber wenn das Thema groß auf der Agenda steht, will es bearbeitet werden. Man geht auf Zukunftskongresse, liest so manches Buch mit vertrauenserweckendem Titel (lies: es kommt recht oft „4.0“darin vor), gründet einen Arbeitskreis „Digitalisierung“ und blättert in Fachmagazinen. Doch was das Thema für die eigene Arbeitsrealität bedeuten kann, ist damit noch längst nicht klar. Und es verwundert nicht, wenn der Hauptgeschäftsführer des Bitkom, Bernhard Rohleder im Vorfeld des nationales IT-Gipfels des Jahres 2016 beklagt, dass Rund die Hälfte der Unternehmen in Deutschland noch “keine echte Digitalstrategie” hat (siehe Artikel auf Heise).

Lieber drei Apps produziert als einmal nachgedacht?

Kann man sich trotz allem diesem „Undefinierbaren“ nähern? Ich bemühe einfach mal die Schrift „Zukunftschance Digitalisierung“ des BMWi : „Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien erleichtern viele Arbeitsprozesse. Neue, digitale Technologien stellen klassische Produktionswege und Geschäftsprozesse auf den Kopf.“ Ok – Gut, arbeiten wir damit. Denn in dem Statement, das zunächst genauso nebulös klingt, wie jede andere Aussage zum Prozess der digitalen Transformation, verstecken sich erstaunliche handfeste Hinweise.

Wenn es um die Neuordnung ganzer „Produktionswege und Geschäftsprozesse“ geht, ist Digitalisierung also keine neue Nahkampf-Technik für moderne Unternehmen (oder solche die es werden wollen), sondern umschreibt einen Veränderungsprozess, der ganzheitlich alle Aspekte des Arbeitens betrifft. Beachte: es geht um Arbeit – nicht um Technologie, Apps oder Sensoren. Das wird nur vorgeschoben, weil man oft einfacher über eine „coole App“ anstatt über die Frage nachdenken möchte, was diese App eigentlich soll.

Die digitale Transformation also um ihrer selbst willen als Thema vor sich her zu tragen ist, wie eingangs angedeutet, tatsächlich Unfug. Man ändert nichts (zumindest nicht zum Besseren), wenn man eine App baut, Systeme vernetzt und Abläufe mithilfe von IT automatisiert und optimiert, ohne zu wissen, warum.

Digitale Transformation verstehen

Es geht vielmehr um neue Möglichkeiten einen Kontext zu durchdringen und Mittels neuer Methoden und Verfahren bessere Ergebnisse als bisher zu erzielen.

Das hört sich erstmal nach Arbeit an – und ist Digitalisierung nicht eigentlich dafür gedacht, Arbeit abzunehmen? Die Antwort ist Ja und Nein; Ja – es ist mehr Arbeit, denn Digitalisierung bedeutet, einen komplexen Prozess des Change Management zu durchleben, bei dem nicht wenige überkommene Arbeitsmodelle, Inhalte, Rollen und Technologien Veränderungen unterworfen werden. Nein; Digitalisierung verändert die Arbeitswelt – aber im besten Falle so, dass am Ende des Change Management Prozesses ein schlankeres, leistungsfähigeres und menschenfreundlicheres Unternehmen mit aktualisierten Businessmodellen steht.

Aber wie genau diese aussehen, ist im Moment nur schwer abzuschätzen. Vor allem besteht ein gerütteltes Maß an Ungewissheit, welche Rolle der Mensch in diesem Konstrukt „Digitalisierung“ einnimmt. Und da es leider keine allgemeingültige Heilsformel gibt (so wie „Mach mal Big Data und alles wird gut!“) kann es nur darauf hinauslaufen, dass wir uns das Themenfeld „Digitalisierung“ erarbeiten und erstreiten müssen. Wir haben die Wahl, hier datengetrieben zu agieren – unsere Handlungen an den Mengen der Daten und Informationen auszurichten. Oder wir wollen den Menschen im Zentrum der Aktivitäten nicht vergessen? Schließlich ist die digitale Transformation der Industrie keine Aufgabe zum Selbstzweck.

Facettenreiche Transformationsprozesse

Technik

Organization

Personal

  • Assistenzsysteme
  • Mensch-Roboter-Kollaboration
  • Mensch-Maschine-Schnittstellengestaltung
  • Usability
  • Handlungs- und Entscheidungsspielraum
  • Aufgabengestaltung und -vielfalt
  • Informationsbedarf und -bereitstellung
  • Qualifikation und Kompetenz
  • Befähigung und Verantwortung
  • Prospektives Design von Produkten und Produktionsprozessen
  • Lernförderliche Technikgestaltung
  • Organisation von Befugnis & Verantwortung
  • Verortung von Entscheidungsfunktionen
  • Einführung der Systeme
  • Lernförderliche Prozessgestaltung
  • Technologie- & innovationsabhängige Kompetenzentwicklung, Personalentwicklung
  • Zwischenmenschliche Prozesse und Kommunikation
  • Betriebs- und unternehmensübergreifende Geschäftsprozesse und Werschöpfungsketten
  • Technologische Ressourcenflexibilität
  • Personenbezogener Datenschutz und Persönlichkeitsrechte
  • Arbeitszeitgestaltung und Flexibilität
  • Personalstrategie und -management
  • Verfügbarkeit von Fachkräften
  • Demografischer Wandel
  • Anpassung von Aus- und Weiterbildungscurricula

Handlungsfelder für eine menschengerechte Arbeitsgestaltung in der Industrie 4.0 (Quelle: DEUTSCHE NORMUNGS-ROADMAP Industrie 4.0)

Wie die obige Grafik offenlegt, kann man das Thema der Digitalisierung in der Industrie 4.0 nur als gemeinschaftlich-abgestimmtes Vorgehen von Technologie, Organisation und Personalmanagement verstehen. Das bedeutet aber auch, dass ein einseitiges Handeln zwangsläufig zu Beanspruchungen in den anderen Themenfeldern führt. Würde zum Beispiel zu sehr nur in neue Technologien investiert, ohne die nötigen Anpassungen in Organisation oder Qualifikation der Mitarbeiter zu berücksichtigen, ist ein werthaltiger Erfolg wenig wahrscheinlich.

Wir wollen in weiteren Beiträgen die unterschiedlichen Domänen betrachten, die von einer ganzheitlichen Digitalisierungsstrategie berührt werden.

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