„Machen Sie es wie das iPhone“ oder: Man sollte vorsichtig mit dem sein, was man sich wünscht
Heutzutage erwähnen Kunden häufig das iPhone, wenn sie ihre Gedanken und Ziele bezüglich Usability und User Interface Design beschreiben, z.B. zum Projektstart.
Einerseits ist es schön zu sehen, dass User Interface Design und Usability durch das iPhone in ein positives Licht gerückt werden und dass es immer mehr Menschen klar wird, dass User Interface mehr ist als nur das Sahnehäubchen auf einem Produkt. Aber dennoch, immer wenn Anmerkungen wie „Machen Sie es wie das iPhone“ gemacht werden, müssen einige Dinge besprochen werden, damit die Erwartungen an ein Projekt realistisch bleiben.
Zuerst sollte geklärt werden, dass eine solche Aussage auf zweierlei Arten interpretiert werden kann. Zum einen kann es bedeuten „Machen sie das User Interface so einfach zu bedienen und so ästhetisch wie das des iPhone“ – dies ist meistens gemeint. Es kann aber auch interpretiert werden als „Führen Sie das User Interface Design Projekt auf eine ähnliche Art und Weise durch wie die iPhone-Entwicklung“ – dies ist meistens nicht gemeint, obwohl die beiden Aspekte fest miteinander verwoben sind.
Schauen wir uns das einmal genauer an.
„Machen Sie das User Interface so einfach zu bedienen und so ästhetisch wie das des iPhone“
Diese Aussage verlangt im Grunde genommen nach der „iPhone-isierung“ eines User Interface. In diesem Kontext sollte man beachten, dass iPhone Applikationen einerseits auf ein 3.5’’ Display beschränkt sind und andererseits von Multi-Touch Funktionalität profitieren. In vielen Fällen, in denen eine solche Aussage getätigt wird, sollte diese also wahrscheinlich präzisiert werden zu: „OK, wie das iPhone, aber natürlich mit einem größeren Screen und ohne Multi-Touch. Aber genau so einfach zu benutzen und ästhetisch.“ Selbst wenn man außer acht lässt, dass die iPhone User Experience das Resultat der Kombination von Hardware und Software ist, sollte beachtet werden, dass die einzelnen iPhone Apps von geringer bis mittlerer Komplexität sind und dass das Gerät nicht dazu gemacht ist, einen vollständigen Arbeitstag damit zu bestreiten. (Obwohl es Tabellenkalkulationen für das iPhone gibt sollte man seinen Arbeitsplatzrechner wohl nicht zu früh abgeben, um nur noch mit diesen Apps zu arbeiten.) Der Wunsch sollte also noch präziser formuliert werden: „Wie das iPhone, mit einem größeren Bildschirm, ohne Multi-Touch und in einer Umgebung, die alle benötigten Funktionen bereitstellt und über einen längeren Zeitraum am Stück benutzt werden kann. Aber ohne Kompromisse bei der User Experience zu machen.“ Dieser Wunsch ist präziser und nun kommt auch der zweite oben genannte Aspekt ins Spiel: die Art und Weise, auf die das User Interface Design Projekt durchgeführt wird. User Experience / User Interface Design mit höchster Priorität zu behandeln ist leicht gesagt – werfen wir einen Blick darauf, was dies im Falle des iPhone bedeutete.
„Führen Sie das User Interface Design Projekt auf eine ähnliche Art und Weise durch wie die iPhone-Entwicklung“
Um einen Eindruck vom iPhone Entwicklungsprozess zu bekommen, ist dieser Artikel bei Wired (englisch) ein guter Ausgangspunkt. Einige der Aspekte, die bezogen auf Design und Entwicklung genannt werden sind:
Apple behielt die komplette Kontrolle über Design, Herstellung und Vermarktung des iPhone
Selbst wenn man die Hardware außer acht lässt bedeutet dies immer noch, dass Apple (sprich: der User Interface Designer) das letzte Wort hatte, was das User Interface Design angeht und auch wie es kommuniziert wird. Viele User Interface Design Projekte kommen noch nicht einmal nahe an dieses Ideal heran. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass „absolute Kontrolle“ für den User Interface Designer immer notwendig oder möglich ist, aber es ist meistens eine gute Idee zu überprüfen, wie viel Einfluss dem User Interface Designer gewährt werden kann.
Das iPhone machte es erforderlich, dass Apple ein komplett neues Betriebssystem entwickelte…radikal reduziert und neu geschrieben
Dies bedeutet, dass existente Lösungen und Rahmenbedingungen radikal auf den Prüfstand gestellt wurden um genau diejenige Umgebung zu schaffen, in der das Produkt sich entfalten würde. In realen User Interface Design Projekten ist es meistens keine Option, bei Null anzufangen. Stattdessen sind die (technischen) Rahmenbedingungen häufig recht festgelegt. Analog zum vorherigen Punkt sollte jedoch zumindest geprüft werden, wo die Rahmenbedingungen die geplante User Experience beeinträchtigen könnten und welchen Aufwand es bedeuten würde, die Rahmenbedingungen anzupassen – auch wenn es keine Option ist die gesamte technische Landschaft an das zukünftige User Interface anzupassen. Dies ist immer noch besser, als technische Anpassungen von vornherein gänzlich als Möglichkeit auszuschließen.
Ein Insider schätzt, dass Apple ca. 150 Millionen Dollar für die Erschaffung des iPhone ausgegeben hat (und von der ersten Idee bis zur Markteinführung fünf Jahre vergingen)
Dies muss eigentlich nicht weiter kommentiert werden, außer: Zeit und Geld wurden nicht ausschließlich in die Entwicklung der Hardware investiert.
Was folgt hieraus nun? Natürlich kann in den meisten Fällen ein gutes User Interface Design realisiert werden, auch ohne ein Projekt aufzusetzen, dass im Umfang mit der Entwicklung des iPhone konkurrieren kann. Aber es kann nützlich sein, sich einiger der Umstände bewusst zu sein, die das iPhone zu einem hervorragenden Produkt werden ließen. Die grundsätzliche Frage ist: wie viel Gewicht will man dem User Interface Design beimessen und wie stellt man sicher, dass die entsprechenden Bemühungen nicht einfach im Sande verlaufen? Und schließlich sollte man auch realistische Erwarten haben, wie einfach das User Interface für eine Anwendung werden kann. Gutes User Interface Design kann beeindruckend Dinge erreichen, wenn es darum geht, Funktionalitäten auf einer Art und Weise zu „verpacken“, die einfach zu bedienen ist, jedoch sollte man nicht erwarten, dass sich jedes User Interface auf drei Buttons reduzieren lässt.
Aber wenn man all dies berücksichtigt, dann ist die Aussage „Machen Sie es wie das iPhone“ in der Tat eine gute Art zu sagen: „Wir nehmen gutes User Interface Design wirklich ernst.“
Apple und iPhone sind Marken oder eingetragene Marken von Apple Inc. in den USA und/oder anderen Ländern.

