Wer braucht schon Usability Engineering?
„Wer braucht schon Usability Engineering?“ – Ein Ausruf, den man vielleicht von jemandem hören kann, der eher negative Erfahrungen mit Usability Engineering Dienstleistungen gemacht hat. Es gibt einige Kritikpunkte, die häufiger im Zusammenhang mit Usability Engineering genannt werden. Der Artikel beschreibt, wieso Usability Engineering Aktivitäten unabdingbar sind und wie in der Praxis mit typischen Problemen umgegangen werden kann bzw. wie diese vermieden werden können.
Probleme mit Usability Engineering
Einige Aspekte, die eventuell im Zuge einer Kritik an Usability Engineering Maßnahmen genannt werden, sind:
- Pingeliges Feedback
Der Usability Engineer bemängelt Aspekte eines User Interface, deren Auswirkung auf die User Experience, wenn überhaupt, gering ist, während bedeutsamere Einflussfaktoren unbemerkt bleiben. Eine wesentliche Ursache für ein solches Problem liegt in einem unzureichenden Verständnis von Workflows und Businesslogik des betreffenden Systems, was dazu führt, dass der Usability Engineer sich auf oberflächliche Aspekte konzentriert. - Eimerweise Papier und mühsame Kommunikation
Die Dokumentation des Usability Engineering Prozesses scheint nach Gewicht in Rechnung gestellt zu werden, da der Usability Engineer eimerweise Papier bzw. gigabyte-weise Word-Dateien produziert. Die Art, wie Befunde dokumentiert werden, ist nicht auf die Anforderungen der jeweiligen Adressaten abgestimmt, was dazu führt, dass die betreffenden Dokumente bald (virtuell) auf Servern oder in Regalen verstauben. Dies kann passieren, wenn der Usability Engineer ein „Standardvorgehen“ zur Dokumentation hat, das nicht auf die Erfordernisse des konkreten Projekts oder Kunden angepasst wird. - „Kreative“ Ideen, die nie implementiert werden
Der Usability Engineer hat Ideen zur Optimierung des User Interface, die auf Papier interessant und kreativ aussehen, die aber gar nicht (oder nur unter hohem Ressourceneinsatz) implementiert werden können, so dass sie kaum einen praktischen Nutzen für den Kunden haben. Dies kann der Fall sein, wenn der Usability Engineer kein tiefgreifendes Verständnis für die technischen Rahmenbedingungen und Anforderungen des Kunden besitzt. - Die Entwicklung von Prototypen für Usability Tests verzögert den Entwicklungsprozess
Prototypen müssen speziell für die Anforderungen eines Usability Tests erstellt werden, so dass die entsprechenden Ressourcen nicht zur Entwicklung des „echten“ Systems zur Verfügung stehen, was zu Verzögerungen führt. Dies kann passieren, wenn die Aktivitäten von Usability Engineer und User Interface Entwicklern nicht aufeinander abgestimmt sind.
Argumente für Usability Engineering
Angesichts dieser Probleme könnte man in der Tat versucht sein, Usability Engineering als Zeitverschwendung anzusehen. Jedoch wird unter anderem vor dem Hintergrund bestimmter Trends in der IT-Welt deutlich, dass es wichtiger denn je ist, die Perspektive des Endanwenders bei der Entwicklung zu berücksichtigen. Wichtige Trends, die z.B. bei der diesjährigen CeBIT im Fokus standen, sind:
- Green IT (Einsparung von Energie)
Obwohl dies vor allem ein Hardware-Thema ist, können Endanwender ihren Teil zu Energieeinsparungen beitragen, indem sie ihr Nutzungsverhalten anpassen – oder indem man sie dazu befähigt, ihr Nutzungsverhalten anzupassen. Bezogen auf das User Interface Design können Privatanwender bspw. unterstützt werden, indem sie Zugang zu User Interfaces haben, mit denen sie ihre Arbeit schnell erledigen und ihre Rechner dann früher abschalten können, anstatt viel Zeit (und Energie) darauf zu verwenden, mühsam mit dem System zu interagieren. - Hochgradig spezialisierte Werkzeuge
Für die Erstellung von Werkzeugen, die hochspezialisierte Aufgaben effizient unterstützen, ist ein präzises Verständnis der Passung zwischen Nutzer, Aufgabe und Werkzeug unabdingbar. Nur auf dieser Grundlage kann ein System die Erwartungen der betreffenden speziellen Nutzergruppen erfüllen, die optimale Usability und Performanz in ihren Arbeitskontexten erwarten. - „Ubiquitous Computing“
Interaktive Systeme durchdringen alle Lebensbereiche. In ihrem Arbeitsumfeld sind Nutzer bis zu einem gewissen Grad bereit, sich an Arbeitstechnologien anzupassen (deren Konfiguration mehr oder weniger von anderen vorgegeben wird). In ihrem Alltag außerhalb der Arbeit wollen Nutzer sich jedoch nicht verbiegen, um technologischen Rahmenbedingungen gerecht zu werden. Nutzer erwarten, dass Technologien sich an sie anpassen, oder das sie überhaupt nicht auffallen (siehe „The Invisible Computer“ von Don Norman).
Diese wenigen Beispiele zeigen, dass es beim Usability Engineering nicht darum geht, dem Anwender ein nettes „Add-On“ zu liefern; vielmehr geht es darum, grundsätzlichen Erwartungen gerecht zu werden und erfolgreich am Markt zu sein.
Agiles Usability Engineering
Um diesen Herausforderungen mittels Usability Engineering zu begegnen und gleichzeitig die zuvor genannten Probleme zu vermeiden, kann Agiles Usability Engineering nützlich sein. Einige Eigenschaften agiler Ansätze sind:
- Anpassung des Methodeneinsatzes an die jeweilige Projektphase
Abhängig von der aktuellen Phase der User Interface Entwicklung variiert die Gewichtung nutzer-zentrierter und technologie-zentrierter Aspekte. Bei der Erstellung von „Projektvisionen“ ist die Nutzerperspektive essenziell („Welchen Nutzen soll der Anwender aus dem User Interface ziehen?“). Während der Erstellung von Prototypen gewinnen technische Aspekte an Bedeutung („Welche Technologien zur Umsetzung des User Interface vertragen sich am besten mit dem Backend?“). Keine der beiden Perspektiven sollte komplett ignoriert werden. Es liegt in der Verantwortung des Usability Engineers, den Prozess so zu steuern, dass in jeder Projektphase die richtige Balance gefunden wird, angemessene Methoden benutzt werden und die richtigen Personen Gelegenheit haben, ihren Beitrag zu leisten. - Gezielte Kommunikation
Anstatt Tonnen von Papier (oder Gigabyte an Daten) zu vergeuden, sollte die Kommunikation exakt auf die Bedürfnisse der jeweiligen Adressaten abgestimmt werden. Dokumentation, die online vorgehalten wird und die für alle Beteiligten verfügbar und durchsuchbar ist, kann nützlich sein. Weiterhin sollte die Dokumentation so „schlank“ wie möglich sein, um effizient als Entscheidungsgrundlage zu dienen. Ein „Standardvorgehen zur Dokumentation“ sollte dem Kunden nicht aufgezwungen werden, wenn es offensichtlich ist, dass dies zu ineffizienter Kommunikation führen würde. - Wiederverwendbare Prototypen
Für das Usability Engineering und die Software Entwicklung ist der effiziente Einsatz von Prototypen wichtig. Für bestimmte Fragestellungen sind Papierprototypen ausreichend. Um andere Fragen umfassender zu untersuchen, können prototypische Implementierungen des betreffenden User Interface erforderlich sein. Hierzu sollten Experten Code erstellen, der sowohl zum Usability Testing wie auch zur Implementierung des letztendlichen Systems verwendet werden kann. Auf diese Weise werden Projektressourcen optimal eingesetzt und es kommt nicht zu Verzögerungen aufgrund von Programmierarbeiten, die ausschließlich zur Erstellung von Prototypen für das Usability Testing dienen und danach weggeworfen werden müssen.
Alles in allem ist Agiles Usability Engineering und dessen Integration in den Entwicklungsprozess ein effizienter Ansatz zur Erstellung nutzerfreundlicher User Interfaces. Usability Engineering sollte daher mehr als nur ein nettes „Add-On“ sein: wenn es richtig gemacht wird, ist es ein potentes Mittel, um eine optimale Passung herzustellen zwischen den Anforderungen von Nutzern in einer Welt, die mehr und mehr von Technologie durchdrungen ist und Systemen, die auf effiziente Weise erstellt werden müssen, um am Markt bestehen zu können.

