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User Interface Guidelines für mobile Geräte: Fluch oder Segen?

Andreas Groß
31. Oktober 2010

Das konsistente Erscheinungsbild eines Unternehmens wird durch die Umsetzung von Corporate Design Guidelines gesichert. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren User Interface Guidelines (UI Guidelines). Sie bilden die Regelwerke zur Gestaltung von Softwareoberflächen: sowohl die visuelle Darstellung als auch Interaktionsaspekte sind hier festgelegt. Für die auf dem jeweiligen Betriebssystem laufenden Applikationen soll auf diese Weise ein grundlegendes Qualitätsniveau gesichert und dem Szenario eines „Anwendungszoos“ entgegengewirkt werden.

Betrachtet man die verschiedenen Plattformen für mobile Geräte (z.B. iOS für iPhone und iPad, Android oder Windows Phone 7) im Hinblick auf die vielfältigen Eingabemöglichkeiten, wird schnell klar, dass auch hier bestimmte Rahmenbedingungen für die visuelle Gestaltung und Interaktionsgrundsätze einzuhalten sind, um eine intuitive Bedienung zu sichern. Applikationen, die auf dem Gerät installiert werden und somit eine Vielzahl von Sensoren (z.B. Beschleunigungssensoren) und andere Hardware Features (z.B. GPS oder kabellose Schnittstellen) nutzbar machen, bieten dem Benutzer eine nahezu unbegrenzte Funktions- und Interaktionsvielfalt mit universellen Einsatzmöglichkeiten. Daher muss durch die Beachtung grundlegender Style-Vorgaben gesichert werden, dass die Bedienungslogik der Plattform nicht verwässert.

Bei der Wahl einer Plattform existiert für den Anwender allerdings auch ein nicht zu unterschätzender Lifestyle-Aspekt. Maßgeblich verantwortlich für den Kult ist weniger die Hardware selbst, sondern vielmehr das User Interface (UI): Der Style ist mitentscheidend für den Erfolg der ganzen Plattform; er vermittelt „Joy-of-Use“ – oder eben nicht. Ein kohärenter Style kann, wenn auf einem System neben dem Betriebssystem auch noch eine Vielzahl von Applikationen ganz unterschiedlicher Hersteller laufen, aber nur gesichert werden, wenn sich alle Beteiligten an bestimmte Style-Vorgaben halten.

Auf dem Desktop sind UI Guidelines ein seit langem etabliertes Werkzeug. Aber was sind die wesentlichen Merkmale von UI Guidelines im mobilen Kontext? Welche besonderen Aspekte sind hier zu beachten?

Beispiele für User Interface Guidelines

Beispiele für UI Guidelines im mobilen Kontext sind im Internet frei verfügbar und für jedermann einzusehen. Die wichtigsten sind hier aufgelistet:

Die inhaltliche Tiefe der verschiedenen UI Guidelines variiert stark: während beispielsweise Android sich inhaltlich eher knapp und technisch hält, ist es Microsoft auch wichtig, die Philosophie des Produktes zu transportieren; bis hin zum verwendeten Sprachjargon bei Status- oder Fehlermeldungen ist man hier sehr akribisch: das Windows Phone 7 ist „freundlich, unbeschwert und einfühlsam“. Auch Apple legt gesteigerten Wert darauf, dass man das Gesamtkonzept hinter iOS nachvollziehen kann, bevor mit der Programmierarbeit begonnen wird.

UI Guidelines haben teils unterschiedliche Zielgruppen: während Android sich sprachlich und inhaltlich klar an Anwendungs-Entwickler richtet, sprechen Apple und Microsoft eher den Interaktions- bzw. User Experience Designer an.

Nutzen von User Interface Guidelines

Prinzipiell ist das verfolgte Ziel der UI Guidelines begrüßenswert: durch ein einheitliches Look & Feel kann der Benutzer aus seinen Erfahrungen mit dem Gerät lernen und Interaktions-Szenarien auf andere Anwendungen übertragen: Bedienelemente ähneln sich, Abläufe können analogisiert werden und erlernte Gesten können in anderen Apps im gleichen Kontext verwendet werden. Besonders hervorzuheben ist auch die Vereinheitlichung von Animationen, welche auf dem kleinen Handydisplay nicht nur als Lifestyle-Element zum Einsatz kommen, sondern einen ganz realen Nutzen haben. Sie helfen zum Beispiel bei der Orientierung in hierarchischen Menus. Zu guter Letzt steigt auch die Wertigkeit des Produktes, wenn ein gleichförmiges und schlüssiges Gesamtkonzept besteht und alles den gleichen Schliff oder den berühmten „roten Faden“ besitzt.

Konträr zur Idee von UI Guidelines verhält sich allerdings das Bestreben der Softwareschmieden nach Individualität. Sie wünschen oftmals weniger die „Einheitsoptik“, sondern möchten mit ihrem Produkt etwas einzigartiges und herausragendes schaffen, um sich so auch von Mitbewerbern abheben zu können.

User Interface Guidelines und Kreativität – ein Widerspruch?

Natürlich kann es schön und abwechslungsreich sein, eine kreativ gestaltete Anwendung zu explorieren. Generell ist aber bei der Einführung von neuen Elementen oder Interaktionsformen Vorsicht geboten. Betrachtet man beispielsweise das Thema Gesten, wird der Nutzer sehr schnell frustriert sein, wenn seine (vielleicht sogar unbewusst) erlernten Fingerbewegungen (siehe auch „Muscle Memory“), plötzlich nicht mehr funktionieren, oder sogar einen anderen Effekt als erwartet haben. So könnte es für Nutzer vermutlich verwirrend sein, wenn beispielsweise die Pinch-Geste (siehe auch „Die Rückkehr des Pie Menüs“) nicht mehr mit der Zoom-Aktion verknüpft wäre.

Wie können also Style-Vorgaben gemacht werden ohne kreative Freiräume zu sehr einzuschränken?

Wichtig ist es, dem Benutzer stets möglichst allgemein bekannte Elemente („Landmarks“) zu bieten, damit er sich in der neuen Umgebung zurechtfindet und die Möglichkeit von Fehlinterpretationen minimiert wird. Das Prinzip der Wiedererkennbarkeit über viele verschiedene Kulturen und Sprachen hinweg greift auch Microsoft beim Windows Phone 7 auf: mit dessen UI Design Konzept namens „Metro“ werden piktogrammartige Darstellungen mit einfacher Typographie und undekorierter Formensprache wie bei Schildern in Metropolen präferiert (beispielsweise auf Flughäfen, Bahnhöfen und öffentlichen Gebäuden). Somit ist festgelegt, in welche Richtung das Design des UI gehen soll, ohne dabei allzu konkrete Regeln festzulegen.

Ankara Airport Piktogramme

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UI Guidelines sind also häufig mit bestimmten Restriktionen verbunden, sollen aber nicht Kreativität generell verbieten. Vielmehr geben sie den Rahmen vor, innerhalb dessen sich Kreativität entfalten kann und soll.

Erwähnenswert ist es, dass beispielsweise beim Windows Phone 7 die Sparte Games explizit von derartigen Beschränkungen ausgeschlossen ist und als etwas eigenständiges angesehen wird. Hier sind experimentelle Interaktionsformen erlaubt und sogar gewünscht.

Beachtung der User Interface Guidelines

UI Guidelines müssen gelesen, verstanden und umgesetzt werden. Natürlich trifft ein knapp gehaltenes Dokument beim Leser auf größere Akzeptanz als eine unüberschaubare Regel- und Gebote-Sammlung. Ob UI Guidelines beachtet werden ist aber auch davon abhängig, ob es sich bei einem Software-Projekt um eine reine „One-Man-Show“ handelt, oder ob ein mehrköpfiges Team sich die Aufgabengebiete teilt und sich somit jeder auf einen einzelnen Bereich fokussieren kann. Hier bewährt sich die Zusammenarbeit von Interaktions-Designer und Anwendungs-Entwickler, da der Interaktions-Designer besonders für die Thematik sensibilisiert ist. Auch Produktmanagement und Qualitätssicherung sollten mit den Stylevorgaben vertraut sein, um das Produkt diesbezüglich prüfen und bewerten zu können.

Alternative Möglichkeiten zur Sicherung eines einheitlichen Styles

Eine gute Basis zur „automatischen“ Beachtung fundamentaler Interaktionskonzepte bietet das Software Development Kit (SDK): da dieses vom Entwickler benötigt wird, um für die jeweilige Plattform programmieren zu können, macht es Sinn, die wichtigsten Grundregeln in diese Software-Bibliotheken zu integrieren. Somit verletzt man selbst bei völliger Unkenntnis von UI Guidelines nicht gewisse zentrale Gebote. Beispielsweise können fertige Animationen als wiederverwendbare Softwareartefakte auf bequemem Weg zur Verfügung gestellt werden. Dies motiviert den Entwickler, diese auch zu benutzen. Das Entwicklungsteam überlegt sich zweimal, ob es das Rad neu erfinden und viel Aufwand in eine neue Idee stecken möchte, „nur“ um kreativ werden zu können, oder ob es effizient die bestehenden Mittel zum Einsatz bringt.

Microsoft stellt mit seinem SDK „Expression Blend 4 for Windows Phone“ beispielsweise die beiden UI Elemente „Panorama“ und „Pivot“ zur Verfügung: sie bilden bei seitenorientierten Anwendungen die Basis zur Navigation durch komplexe Listen. Interaktionsverhalten und Animationen, wie beispielsweise der Parallax-Effekt, sind bereits stilecht integriert und können direkt verwendet werden. Die Komponenten sind grafisch nicht abgeschlossen oder unveränderbar, sondern bieten Raum für visuelle Anpassungen und Abwandlungen.

Haben Entwickler oder User Experience Designer allerdings für einen besonderen Anwendungsfall eine spezielle Visualisierung vor Augen, muss es auch möglich sein, eigene Ideen umzusetzen. So bleibt gewährleistet, dass im Bedarfsfall auch ungewöhnliche Bedienkonzepte entstehen können, die vor allem bei Spielen den bereits erwähnten Wunsch nach neuen Interaktionsformen befriedigen. Allerdings sollte jede Abweichung vom Regelfall auch mittels eines unabhängigen Usability Tests validiert werden, da sonst nicht abgeschätzt werden kann, ob die neue Interaktionsform sich dem Benutzer erschließt.

Die Integration mancher Normen in das SDK ist kein vollständiger Ersatz für UI Guidelines, bildet aber eine hilfreiche Ergänzung auf dem Weg zur konsistenten App. Oftmals sind die Vorgaben mit anschaulichen „lebenden“ Beispielen auch leichter und angenehmer zu vermitteln als in Form eines „toten“ Dokumentes.

Fazit

Für das Entstehen von Applikationen mit konsistentem Look & Feel ist es eine gute Grundlage, UI Guidelines zu haben. User Experience-Designer etwa bekommen damit eine Orientierung für ihre konzeptionelle und visuelle Arbeit an die Hand.

Das gilt natürlich für Desktop Anwendungen genauso wie für mobile Anwendungen. Jedoch ist die Rolle von UI Guidelines im mobilen Kontext noch wichtiger, da mobile Endgeräte vielseitigere Interaktionsmöglichkeiten wie z.B. Touch-Bedienung ermöglichen. Auch dem Kontrastverhältnis muss hier besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, so dass eine gute Erkenn- und Lesbarkeit auch unter ungünstigen Lichtverhältnissen gewährleistet ist.

Weiter erleichtert werden kann die Einführung konsistenter Interface-Konzepte durch die Verfügbarkeit entsprechender Regeln in Form von vorgefertigten Software-Grundbausteinen und -Templates, damit das Entwicklungsteam diese sofort produktiv einsetzen kann. Auf diese Weise können UI Guidelines schlank gehalten und die Entwicklung neuer Apps durch Kombination der beiden Ansatzpunkte (UIG und vorgefertigte Software-Bausteine) vereinfacht werden.

Zu hinterfragen ist jedoch immer, ob die aufgezeigten Regeln auch für den eigenen Anwendungsfall zutreffen, oder ob eine eigene Lösung zu bevorzugen ist. Sollten „kreative Freiräume“ genutzt werden, ist es besonders notwendig, die daraus resultierenden Konzepte mit Nutzern zu evaluieren.

Letztlich betrifft das Lesen, Verstehen und Anwenden von UI Guidelines nicht nur Entwickler und Interaktions-Designer, sondern auch Produktmanagement und Qualitätssicherung. Entsprechend schwierig kann sich die unternehmensweite Einführung von User Interface Guidelines gestalten. Jedoch ist dies eine Herausforderung, der zu stellen sich lohnt.

Alle in diesem Artikel verwendeten Markennamen und Bezeichnungen sind eingetragene Warenzeichen und Marken der jeweiligen Eigentümer und dienen nur der Beschreibung.

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