{"id":16418,"date":"2023-11-08T12:00:40","date_gmt":"2023-11-08T11:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.centigrade.de\/?post_type=blog&#038;p=16418"},"modified":"2023-12-06T09:53:36","modified_gmt":"2023-12-06T08:53:36","slug":"positive-ux-und-erlebnisinterviews","status":"publish","type":"blog","link":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/blog\/positive-ux-und-erlebnisinterviews\/","title":{"rendered":"Positive-UX und Erlebnisinterviews"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_16422\" style=\"width: 1210px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16422\" class=\"wp-image-16422 size-full\" src=\"https:\/\/www.centigrade.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/intro-bild.png\" alt=\"Keyvisual Design feel\" width=\"1200\" height=\"581\" srcset=\"https:\/\/www.centigrade.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/intro-bild.png 1200w, https:\/\/www.centigrade.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/intro-bild-300x145.png 300w, https:\/\/www.centigrade.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/intro-bild-768x372.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><p id=\"caption-attachment-16422\" class=\"wp-caption-text\">Copyright \u00a9 DIOPD 2023. (https:\/\/diopd.org\/)<\/p><\/div>\n<h2>Was ist Positive (User) Experience \u00fcberhaupt?<\/h2>\n<p>Positive UX klingt gut! Jeder m\u00f6chte eine positive Erfahrung im Kontext der Nutzung von Produkten erreichen, oder? Was bedeutet jedoch genau der Begriff und wie ist er entstanden? Ist das Ganze nicht schon in User Experience enthalten und warum ist \u201ePositive X\u201c so wichtig?<!--more--><\/p>\n<blockquote><p><em>&gt;&gt; Das \u201eX\u201c steht einerseits f\u00fcr \u201eExperience\u201c und setzt damit deutlich den Fokus auf das Erleben von Technologie. Andererseits bezeichnet &#8222;X&#8220; auch etwas Unbekanntes. Es zeigt den Forschungsbedarf sowie den Bedarf an Sensibilisierung und Informationsweitergabe auf.<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;The Positive X\u201c steht f\u00fcr das Mindset, Vorgehensweisen und Methoden, die Menschen, ihr Erleben und Wohlbefinden in den Fokus der Entwicklung interaktiver Systeme r\u00fcckt, um systematisch eine positive UX zu gestalten. &lt;&lt; <\/em><\/p>\n<p><em>&#8211; <a href=\"https:\/\/germanupa.de\/arbeitskreise\/arbeitskreis-positive-x\">germanupa.de\/arbeitskreise\/arbeitskreis-positive-x<\/a><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Positive UX sorgt in erster Linie daf\u00fcr, positive Erlebnisse mit einem Produkt zu erm\u00f6glichen und den Nutzenden dadurch nachhaltig an das Produkt binden zu k\u00f6nnen. Um positive Emotionen zu erzeugen, m\u00fcssen allerdings grundlegende psychologische Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllt werden, die w\u00e4hrend der Nutzung, aber auch im erweiterten Kontext der Nutzung (Zeitpunkt, Umgebung, Impulse) entstehen. Wie identifizieren wir diese Grundbed\u00fcrfnisse?<\/p>\n<p>Als Researcher*innen finden wir spezifische User Needs im Nutzungskontext (zum Beispiel in Scoped User Research Interviews) und beobachten in anschlie\u00dfenden <strong>Usability<\/strong> <strong>Tests <\/strong>die Nutzerfreundlichkeit des Produkts. Diese Analyse konzentriert sich auf die Effizienz, Effektivit\u00e4t und Zufriedenheit, mit der die Nutzenden bestimmte Aufgaben innerhalb eines Produkts, Systems oder einer Dienstleistung ausf\u00fchren k\u00f6nnen. Es wird bewertet, wie einfach es f\u00fcr Nutzende ist, Ziele zu erreichen und Aufgaben zu erledigen, w\u00e4hrend sie das Produkt erleben. Mit Hilfe der identifizierten Befunde und Auff\u00e4lligkeiten werden Handlungsempfehlungen an Konzepter*innen weitergegeben. Hier betrachten wir jedoch ausschlie\u00dflich die User Needs aus dem spezifischen Anwendungskontext.<\/p>\n<p>Hinzu kommt die <strong>User Experience<\/strong>, die Benutzererfahrung, die ein breiteres Spektrum von Aspekten abdeckt, die sich auf das Gesamterlebnis der Nutzenden vor, w\u00e4hrend und nach der Interaktion mit einem Produkt oder System beziehen. Sie umfasst die schon genannte Benutzerfreundlichkeit, ber\u00fccksichtigt dar\u00fcber hinaus emotionale, psychologische und sensorische Faktoren sowie die Wahrnehmung des Produkts durch die Nutzenden als Ganzes.<\/p>\n<p>Denn ob man durch ein Produkt durchkommt und versteht, wie man es nutzen kann, um zum Ziel zu gelangen, ist nur die eine Seite der Medaille. Auf die andere Seite wird nur selten geschaut. Dabei ist diese ausschlaggebend f\u00fcr die Lebensdauer des Produkts und damit der Marke. Das positive Erlebnis, die <strong>Positive UX,<\/strong> das Nutzende mit dem Produkt verbindet, entscheidet dar\u00fcber, ob sie zu einem Konkurrenzprodukt wechseln werden. In bestimmten F\u00e4llen beeinflusst das Erlebnis sogar die mentale Gesundheit.<\/p>\n<p>Viele verschiedene Faktoren spielen hier eine Rolle. Welche Werte haben diese Menschen? Haben nicht alle \u00e4hnliche Grundbed\u00fcrfnisse, wie den Drang zur Selbstbestimmtheit, Freiheit, Sicherheit, und brauchen sie nicht alle Vertrauen in der Anwendung des Produkts? K\u00f6nnen sie selbstwirksam sein und f\u00fchlen sie sich selbst best\u00e4tigt, wenn sie das Produkt nutzen? K\u00f6nnen sie damit etwas erschaffen, auf was sie stolz sein k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Um diese Grundbed\u00fcrfnisse zu ergr\u00fcnden, m\u00fcssen wir hinter die User Needs im Nutzungskontext schauen und die Bed\u00fcrfnisse in der Situation und auch die Umwelt betrachten, in der das Nutzungserlebnis stattfindet. Wenn wir diese Grundpfeiler ber\u00fccksichtigen, sehen wir das Produkt in einer ganz neuen Perspektive.<\/p>\n<h2>Gegen\u00fcberstellung von Usability, User Experience und Positive User Experience<\/h2>\n\n<table id=\"tablepress-3\" class=\"tablepress tablepress-id-3\">\n<thead>\n<tr class=\"row-1\">\n\t<th class=\"column-1\">Prozess<\/th><th class=\"column-2\">Usability<\/th><th class=\"column-3\">User Experience<\/th><th class=\"column-4\">Positive User Experience<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody class=\"row-striping row-hover\">\n<tr class=\"row-2\">\n\t<td class=\"column-1\"><b>Ziel<\/b><\/td><td class=\"column-2\">Effektivit\u00e4t und Effizienz<\/td><td class=\"column-3\">Attraktivit\u00e4t<\/td><td class=\"column-4\">Bindung<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-3\">\n\t<td class=\"column-1\"><b>Fokus<\/b><\/td><td class=\"column-2\">Ziel erreichen<\/td><td class=\"column-3\">Emotionale und psychische Aspekte Nutzungserleben<\/td><td class=\"column-4\">Positive Emotionen und Grundbed\u00fcrfnisse im Nutzungserleben<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-4\">\n\t<td class=\"column-1\"><b>Ideal<\/b><\/td><td class=\"column-2\">Intuitive und effektive Bedienung<\/td><td class=\"column-3\">Wahrnehmung des Produkts<\/td><td class=\"column-4\">Individuelle Integration in den Alltag durch pers\u00f6nliche Verkn\u00fcpfungen<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-5\">\n\t<td class=\"column-1\"><b>Analyse<\/b><\/td><td class=\"column-2\">Ziele, Aufgaben<\/td><td class=\"column-3\">User Journey<\/td><td class=\"column-4\">Grundbed\u00fcrfnisse, positive und negative Erlebnisse im erweiterten Kontext<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-6\">\n\t<td class=\"column-1\"><b>Entwurf<\/b><\/td><td class=\"column-2\">Werkzeuge bauen<\/td><td class=\"column-3\">Wege bauen<\/td><td class=\"column-4\">M\u00f6glichkeiten f\u00fcr positive Erlebnisse schaffen<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-7\">\n\t<td class=\"column-1\"><b>Evaluation<\/b><\/td><td class=\"column-2\">Probleme aufdecken, Stress vermeiden<\/td><td class=\"column-3\">Gutes Nutzererlebnis erzeugen<\/td><td class=\"column-4\">Positive Erlebnisse verstehen und das Nutzererlebnis f\u00fcr das Produkt erweitern<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<!-- #tablepress-3 from cache -->\n<h2>Wunsch oder Bed\u00fcrfnis \u2013 ein bedeutender Unterschied<\/h2>\n<p>Nutzer*innen und auch Stakeholder*innen haben meist schon konkrete Ideen, da sie sich in ihrem System und in einem bestimmten Nutzer-Kontext auskennen und wohlf\u00fchlen. Pers\u00f6nlicher Geschmack und eigene Kreativit\u00e4t spielen hier eine zu gro\u00dfe Rolle. Doch gibt man in den Tests nach und dringt nicht zum eigentlichen Bed\u00fcrfnis vor, werden an dieser Stelle nur W\u00fcnsche identifiziert und am Ende auch implementiert. W\u00fcnsche sind leichter zu beeinflussen und beruhen auf keinerlei fundierten Erkenntnissen.<\/p>\n<p>Ich erkl\u00e4re es anhand eines Beispiels: Eine Nutzerin m\u00f6chte eine wichtige Datei in einem Content Management System l\u00f6schen. Sie klickt auf den M\u00fclleimer und die Datei ist sofort im Dateibaum verschwunden. Es gab weder eine R\u00fcckmeldung \u00fcber die erfolgreiche L\u00f6schung noch eine Warnung, dass die Datei unwiderruflich gel\u00f6scht wird oder eine M\u00f6glichkeit diese zu archivieren. Der PO der App w\u00fcnscht sich deshalb einen Dialog mit Best\u00e4tigungsbutton in Rot, der abfragt, ob man wirklich l\u00f6schen will:<\/p>\n<blockquote><p><em>&gt;&gt;\u201eEin Dialog erkl\u00e4rt den Nutzenden an der Stelle am besten, dass hier nun eine Datei unwiderruflich gel\u00f6scht wird und sie sollen es mit einem Button &gt;&gt; unwiderruflich l\u00f6schen best\u00e4tigen &lt;&lt;, den machen wir rot \u2013 der ist wichtig!\u201c&lt;&lt;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Hier wird also eine L\u00f6sung vorgegeben. Durch Tests findet man nun heraus, dass die Rolle falsch definiert ist und die Berechtigung gar nicht bei der getesteten Nutzergruppe liegen sollte. Tats\u00e4chlich findet eine Archivierung im Hintergrund statt und dementsprechend kann das Feedback f\u00fcr die Archivierung eingeblendet werden \u2013 bei L\u00f6schung durch die richtige Nutzerrolle. Das gibt der getesteten Nutzergruppe das Bed\u00fcrfnis von Sicherheit zur\u00fcck \u2013 nichts falsch machen zu k\u00f6nnen \u2013 ohne einen roten Best\u00e4tigungsbutton, der das eigentliche Problem nicht l\u00f6st.<\/p>\n<p>Eine Wunscherf\u00fcllung ist somit mehr eine Laune, ein befriedigtes Gef\u00fchl, etwas bestimmen und schnell l\u00f6sen zu k\u00f6nnen (laut Duden: Ein Begehren, das jemand bei sich hegt oder \u00e4u\u00dfert, dessen Erf\u00fcllung mehr erhofft, als durch eigene Anstrengungen zu erreichen gesucht wird).<\/p>\n<p>Bed\u00fcrfnisse liegen meist weit hinter den W\u00fcnschen im Verborgenen und beziehen sich nicht auf Material oder Eigenschaften, sondern auf emotionale Faktoren. Diese gilt es zu analysieren und zu priorisieren. Am Ende ist die Identifikation der dahinterliegenden Bed\u00fcrfnisse, mit all den marginalen Erkenntnissen, das nachhaltigere Mittel, um ein best\u00e4tigtes Fundament f\u00fcr erfolgreiche Produktentwicklung zu schaffen.<\/p>\n<p>Hier gibt es einen Ansatz, den ich sehr spannend finde, da man damit ein gro\u00dfes Spektrum an Bed\u00fcrfnissen einfach und schnell identifizieren kann: <strong>Erlebnisinterviews<\/strong>.<\/p>\n<h2>Erlebnisinterviews als Katalysator f\u00fcr User Experience<\/h2>\n<p>Erlebnisinterviews intensivieren bestimmte Bed\u00fcrfnisse im erweiterten Kontext und splitten sie wiederum in detailliertere Bed\u00fcrfnisse auf. Man setzt diese Methode in bestehenden Produktprozessen und entstehenden Produktideen ein.<\/p>\n<p>M\u00f6chte ich beispielsweise eine neue Reise App entwickeln, w\u00fcrde die Aufforderung zu Beginn des Erlebnisinterviews zum Beispiel lauten: Berichte mir von einem Urlaub, der dir besonders positiv in Erinnerung geblieben ist. Gibt es einen, den du besonders negativ in Erinnerung hast?<\/p>\n<p>Warum? Was hat das mit dir gemacht? Was hast du gef\u00fchlt? Was h\u00e4ttest du in dem Moment gebraucht? Was h\u00e4ttest du dir gew\u00fcnscht?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-16424 size-medium\" src=\"https:\/\/www.centigrade.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/kerl-auf-berg-300x300.jpg\" alt=\"Mann auf Berg blickt in die Weite\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.centigrade.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/kerl-auf-berg-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.centigrade.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/kerl-auf-berg-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.centigrade.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/kerl-auf-berg-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.centigrade.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/kerl-auf-berg.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Es k\u00f6nnte beispielsweise rauskommen, dass obwohl echt viel falsch gelaufen ist, das Gef\u00fchl der Freiheit und das Abenteuer im Vordergrund standen und dass am Ende alle negativen Aspekte wie K\u00e4lte, Aufwand, fehlende Organisation und Charaktere, nicht mehr \u00fcberwogen und der Urlaub trotzdem ein gelungenes Erlebnis war.<\/p>\n<blockquote><p><em>&gt;&gt;\u201eWenn du dann da oben stehst und unter dir die Welt \u2013 das ist \u00fcberw\u00e4ltigend! Da vergisst du alles andere!\u201c&lt;&lt;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Es zeigt auch, an welchen Punkten der Reise die interviewte Person bestimmte Bed\u00fcrfnisse hat und wo eine App ankn\u00fcpfen k\u00f6nnte, um diese Bed\u00fcrfnisse aufgreifen zu k\u00f6nnen. Wie wichtig ist beispielsweise gemeinsames Reisen, inklusives Reisen und der Wunsch, CO2-sparende Verkehrsmittel zu nutzen?<\/p>\n<p>Wir erhalten durch ein intuitives und empathisches Laddering die Bed\u00fcrfnisse, die wiederum ins Konzept einflie\u00dfen k\u00f6nnen. Das Besondere daran ist, dass wir nicht zwingend am oder zum Produkt testen, sondern viel tiefer, direkt am Gef\u00fchl, bzw. an der Erinnerung und an den Gedanken dazu. Dadurch bekommen wir ein viel umfassenderes Bed\u00fcrfnisbild im Gegensatz zu den Nutzer*innen-Bed\u00fcrfnissen, die wir direkt im bestehenden Nutzungskontext identifizieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>In Pretest-Interviewfragen vor einem Usability Test kommen beispielsweise Bed\u00fcrfnisse oft durch Schilderungen im Kontext hervor, die durch Bed\u00fcrfnisfragen im direkten Kontext der Nutzung und der dadurch verursachten Einschr\u00e4nkung, nicht auffallen und nicht getriggert werden w\u00fcrden. In einem Usability Test von einem Wizard eines Firmware-Updates wurde beispielsweise folgende Frage gestellt:<\/p>\n<blockquote><p><em>&gt;&gt;\u201eWie oft f\u00fchren Sie so ein Update durch?\u201c<br \/>\n\u201eAlleine mache ich das nie, da ich immer Angst habe, dass ich was kaputt mache an der Maschine. Ich rufe meistens den Support an und mache es dann mit den Service-Leuten gemeinsam! Da h\u00e4ngt ja mein Job dran, das setze ich nicht aufs Spiel \u2013 sonst bin ich nachher verantwortlich!\u201c&lt;&lt;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Wir f\u00fcllen hier auf, was in der Analyse von Usability und User Experience des eigentlichen Produkts fehlt. Das Erlebnis-Interview beleuchtet vollumf\u00e4nglich ein Erlebnis als Kontext f\u00fcr die Nutzung eines Produkts, das diese Bed\u00fcrfnisse eben erf\u00fcllen soll, damit man es gerne und lange nutzen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Hierbei ergeben sich in der Art der Fragestellung von Leitfragen unterschiedliche Bed\u00fcrfnisse. Frage ich nach negativen Erinnerungen, bewege ich mich auch in einem negativen Gef\u00fchlsfeld. Frage ich nach positiven Gef\u00fchlen in einer negativen Erinnerung, kann ich zus\u00e4tzlich weitere Bed\u00fcrfnisse im Nebel ausmachen. Ein Hilfsmittel kann zum Beispiel diese Auflistung der Seite \u201eEmotion Typology\u201c sein, die die Delft University of Technology ins Leben gerufen hat. Hier sind 20 positive und 40 negative Grundbed\u00fcrfnisse mit Beschreibungen und Beispielen aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<div id=\"attachment_16426\" style=\"width: 1210px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-16426\" class=\"wp-image-16426 size-full\" src=\"https:\/\/www.centigrade.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/emotions.jpg\" alt=\"Emotion list\" width=\"1200\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/www.centigrade.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/emotions.jpg 1200w, https:\/\/www.centigrade.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/emotions-300x163.jpg 300w, https:\/\/www.centigrade.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/emotions-768x416.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><p id=\"caption-attachment-16426\" class=\"wp-caption-text\">https:\/\/emotiontypology.com\/<\/p><\/div>\n<p>Ein Beispiel dazu m\u00f6chte ich aus einem aktuellen Forschungsprojekt <a href=\"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/news\/mit-ki-gebaerdensprache-uebersetzen-centigrade-im-foerderprojekt-bigeko\/\">BIGEKO<\/a> beschreiben. Wir wollten wissen, welche Bed\u00fcrfnisse wir erf\u00fcllen m\u00fcssen, damit eine geh\u00f6rlose Person in einer Notsituation mit H\u00f6renden kommunizieren kann, da das Absetzen von Notrufen und die Kommunikation mit Rettungskr\u00e4ften im Allgemeinen aktuell sehr problematisch ist.<\/p>\n<p>Eine Geh\u00f6rlose Person sollte in einem Interview eine besonders negative Erinnerung an einen Unfall beschreiben und wir konnten dabei folgende, fehlende Erf\u00fcllungen von Bed\u00fcrfnissen identifizieren (\u00dcbereinstimmungen der beiden Erlebnisse sind hier farblich codiert).<\/p>\n<p><strong>Bed\u00fcrfnisse aus negativem Erlebnis:<br \/>\n<\/strong>Fehlende Sicherheit, keine <span style=\"background-color: #ffabab;\">Wertsch\u00e4tzung<\/span>, kein <span style=\"background-color: #ffa7ff;\">Vertrauen<\/span>, keine <span style=\"background-color: #ccccff;\">Klarheit<\/span>, fehlende Achtsamkeit, keine Selbstwirksamkeit, Kompetenzabsprache, Austausch kann nicht stattfinden, <span style=\"background-color: #a4a453;\">Verst\u00e4ndnis<\/span>, Verst\u00e4ndigung, <span style=\"background-color: #93ca93;\">Kommunikation<\/span>, Wahrgenommen werden, keine <span style=\"background-color: #51adad;\">Transparenz<\/span>, nicht einbezogen sein, kein Respekt oder Anerkennung.<\/p>\n<p>Danach soll die geh\u00f6rlose Person eine positive Erinnerung an eine Notsituation beschreiben. Dieses Erlebnis zeigt uns, dass die Bed\u00fcrfniserf\u00fcllung geholfen hat den negativen Erinnerungen des Unfalls weniger beizumessen.<\/p>\n<p><strong>Bed\u00fcrfnisse aus positivem Erlebnis:<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"background-color: #ccccff;\">Klarheit<\/span>, <span style=\"background-color: #a4a453;\">Verst\u00e4ndnis<\/span>, <span style=\"background-color: #ffa7ff;\">Vertrauen<\/span>, <span style=\"background-color: #51adad;\">Transparenz<\/span>, <span style=\"background-color: #eeeeee;\">F\u00fcrsorge<\/span>, <span style=\"background-color: #ffabab;\">Wertsch\u00e4tzung<\/span>, <span style=\"background-color: #93ca93;\">Kommunikation<\/span>, <span style=\"background-color: #eeeeee;\">Ruhe<\/span>.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnen wir klarer auswerten, welche Bed\u00fcrfnisse besonders wertvoll sind und ein positiveres Erlebnis ausmachen k\u00f6nnen. Hinzugekommen sind hier noch <strong>F\u00fcrsorge<\/strong> und <strong>Ruhe<\/strong>, die in den negativen Erz\u00e4hlungen nicht klar herausgearbeitet werden konnten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich fragen wir Nutzer*innen in Erlebnisinterviews: Was hast du dir in diesem Moment gew\u00fcnscht, was hast du erwartet, was hat dir gefehlt? Allerdings versuchen wir durch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Laddering\">Laddering<\/a> von Gedanken und W\u00fcnschen das Bed\u00fcrfnis dahinter zu entdecken.<\/p>\n<p>In Erlebnisinterviews geht es also \u00fcber die Befriedigung von klassischen Nutzerbed\u00fcrfnissen hinaus und identifiziert werden generelle Grundbed\u00fcrfnisse im Themenkontext. Diese zus\u00e4tzlichen Erkenntnisse k\u00f6nnen dazu genutzt werden, das Produkt zu einer Bed\u00fcrfnis-Erf\u00fcll-Maschine zu machen. Es w\u00e4chst \u00fcber sich und die Erwartungen hinaus, die sich bereits aus guter Usability und User Experience entwickelt haben.<\/p>\n<p>Nun, wir haben Bed\u00fcrfnisse mit Hilfe von Erlebnisinterviews identifiziert, was ist aber mit Werten, Abh\u00e4ngigkeiten, Selbstwirksamkeit? Wie breit muss Research f\u00fcr ein Produkt aufgestellt sein? Welche Vorteile haben inklusive und nachhaltige Gestaltung und wie wichtig ist das Nutzer*innen und somit der Hauptrolle Mensch?<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir die Grundlage f\u00fcr den Gestaltungsprozess schaffen? Wie finden wir heraus, welche grunds\u00e4tzlichen Erlebnisse die Nutzung eines Produkts erzeugen soll und wie kann das Produkt Nutzende dazu verleiten, verschiedenste Emotionen aufzubauen?<\/p>\n<h2>Wie kann ein Produkt positive Gef\u00fchle wecken?<\/h2>\n<p>Positive User Experience entsteht, wenn im Kontext der Nutzung von Produkten die Befriedigung von Bed\u00fcrfnissen und das Entstehen positiver Emotionen in den Fokus ger\u00fcckt werden. Positive UX soll vor allem positive und emotionale Bindungen mit dem Produkt erzielen. Nutzer integrieren so das Produkt gerne in ihren Alltag und verkn\u00fcpfen damit wenig bis keine negativen Assoziationen oder messen negativen Erlebnissen innerhalb der Nutzung geringe Bedeutung zu.<\/p>\n<h3>Richtlinien, Werkzeuge und Methoden des Delft Institute of Positive Design<\/h3>\n<p>Das Delft Institut of Positive Design versucht, unser Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr zu verbessern, wie Design das menschliche Gl\u00fcck f\u00f6rdern kann. Sie entwickeln Werkzeuge, mit denen Designer und Organisationen das enorme Potenzial von dauerhaftem Wohlbefinden erschlie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auf der Webseite findet man beispielsweise ein treffendes Manifest, wie ein Produkt gestaltet sein soll.<\/p>\n<h3>Positive Design Manifest<\/h3>\n<ol>\n<li>M\u00f6glichkeiten schaffen<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Entwirft und verwirklicht eine optimistische Zukunft<\/strong>. Es reduziert nicht nur die Probleme der Menschen, sondern bietet ihnen M\u00f6glichkeiten, ihr Wohlbefinden zu verbessern.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>F\u00f6rderung menschlicher Entwicklung<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Bef\u00e4higt und inspiriert Menschen<\/strong>, ihre Talente zu entwickeln, ihre Beziehungen zu vertiefen und zu ihren Gemeinschaften beizutragen.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Sinnstiftend aktiv werden<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Ermutigt Menschen zu sinnvollen Aktivit\u00e4ten<\/strong>, die pers\u00f6nliche und soziale Werte zum Ausdruck bringen.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Positive Gestaltung sch\u00e4tzt die gesamte Bandbreite menschlicher Erfahrungen.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Sowohl positive als auch negative Emotionen sind Teil eines erf\u00fcllten und tiefgr\u00fcndigen Lebens.<\/strong><\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>\u00dcbernimmt Verantwortung<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Erforscht seine eigenen Ziele und Werte<\/strong>. Es \u00fcbernimmt die Verantwortung f\u00fcr seine kurz- und langfristigen Auswirkungen auf Einzelpersonen, Gemeinschaften und die Gesellschaft.<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li>Unterst\u00fctzt alle Interessensgruppen<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Ber\u00fccksichtigt das Wohlbefinden aller Interessensgruppen im Designprozess<\/strong>. Es entwickelt dauerhafte Bedingungen, die das Gedeihen aller Mitglieder einer Gemeinschaft unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Hierbei bildet die \u201epositive Psychologie\u201c die Basis, die sich mit der Frage besch\u00e4ftigt: Was macht Nutzer*innen gl\u00fccklich?<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Eine gute Usability reicht nicht aus, um Nutzer*innen mit einem Produkt nachhaltig gl\u00fccklich zu machen. Es gibt in der Paartherapie eine Faustregel dazu, die ich sehr treffend finde:<\/p>\n<blockquote><p><em>&gt;&gt; Wenn es in einer Ehe f\u00fcnf Mal so viel Positives wie Negatives gibt, dann hat sie mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit Bestand. &lt;&lt;<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0&#8211; <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/die-mathematik-der-liebe-ehe-geheimnis-liegt-im-5-100.html\">deutschlandfunk.de\/die-mathematik-der-liebe-ehe-geheimnis-liegt-im-5-100<\/a>)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Das hei\u00dft im Umkehrschluss: Gl\u00fcck bedeutet nicht, dass es nicht auch Ungl\u00fcck gibt. Auf die Gewichtung kommt es an!<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen genau pr\u00fcfen, welche Methode wir anwenden, wie wir Methoden mischen k\u00f6nnen, um alle Informationen herauszufinden, die wir f\u00fcr eine \u201ePositive User Experience\u201c ben\u00f6tigen. Wenn wir eins oder wenige Grundbed\u00fcrfnisse genau treffen und diese im ganzen Prozess der Nutzerf\u00fchrung erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen, ist das schon ein Gewinn!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":0,"template":"","tags":[742,419,146],"class_list":["post-16418","blog","type-blog","status-publish","hentry","tag-user-experience-design","tag-user-research-de","tag-ux-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/blog\/16418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/blog"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/40"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/blog\/16418\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16453,"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/blog\/16418\/revisions\/16453"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}