{"id":2419,"date":"2012-01-31T16:46:31","date_gmt":"2012-01-31T15:46:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.centigrade.de\/blog\/en\/?p=2419"},"modified":"2012-02-21T20:22:35","modified_gmt":"2012-02-21T18:22:35","slug":"die-zahl-sieben-ist-nicht-magisch-teil-1","status":"publish","type":"blog","link":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/blog\/die-zahl-sieben-ist-nicht-magisch-teil-1\/","title":{"rendered":"Die Zahl Sieben ist nicht magisch, aber kognitive Kapazit\u00e4tsgrenzen sind echt und relevant (Teil&nbsp;1)"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt eine Reihe scheinbar unumst\u00f6\u00dflicher Design-Prinzipien, die den Anspruch erheben, perfekt auf das menschliche kognitive System ausgerichtet zu sein. Die hervorstechendsten Eigenschaften dieser Prinzipien sind, dass sie vielseitig anwendbar und f\u00fcr den psychologischen Laien einfach zu fassen sind. Andererseits sind sie ungl\u00fccklicherweise meistens falsch. Eines dieser Prinzipien ist die <i>\u201emagische Zahl Sieben\u201c<\/i> (im Deutschen auch bekannt als <i>Millersche Zahl<\/i>). Sehr frei nach einem einflussreichen Artikel von Miller (1956) wird diese \u201emagische\u201c Zahl von Designern als eine Richtlinie missbraucht, um zu bestimmen, wie viele Elemente ihre Produkte enthalten k\u00f6nnen, ohne die kognitiven F\u00e4higkeiten ihrer Nutzer zu \u00fcbersteigen. Generationen an Designern wurden gezwungen zum Beispiel Schritte in Workflows, Registerkarten, Eintr\u00e4ge in Drop-down Listen, Verkn\u00fcpfungen, Auswahlm\u00f6glichkeiten, Aufz\u00e4hlungspunkte, Radiobuttons und Checkboxen auf diese scheinbar magische Zahl zu begrenzen (vgl. z.B. <a href=\"http:\/\/www.clickz.com\/clickz\/column\/1694545\/debunking-millers-magic\">Eisenberg, 2004<\/a>). Wie jeder Mythos enth\u00e4lt auch die \u201emagische Zahl Sieben\u201c einen Funken Wahrheit. Dieser Artikel gibt einen knappen \u00dcberblick \u00fcber einige Aspekte  der Forschung zu kognitiven Kapazit\u00e4tsgrenzen aus einer grundlagenwissenschaftlichen experimentalpsychologischen Perspektive.  Auch wenn die hier behandelten Erkenntnisse sicher nicht so magisch anwendbar sind, wie einige sie gerne h\u00e4tten, k\u00f6nnte der interessierte UI Designer doch m\u00f6glicherweise Nutzen aus diesem \u00dcberblick ziehen.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h3>Was Miller eigentlich gemeint hat<\/h3>\n<p>Diejenigen, die Millers (1956) Artikel tats\u00e4chlich gelesen haben, wissen, dass er sicherlich nicht f\u00fcr irgendeine magische Zahl geworben hat (sondern f\u00fcr die Idee der Rekodierung zum Zweck des Chunkings von Informationen, die unten kurz eingef\u00fchrt wird). Au\u00dferdem stellte Miller (1989) sp\u00e4ter explizit klar, dass er die Sieben nur als ein rhetorisches Mittel eingef\u00fchrt hatte, um zwei ansonsten unabh\u00e4ngige Str\u00e4nge seiner Forschung  f\u00fcr einen Vortrag zu verkn\u00fcpfen (vgl. Cowan, 2001). M\u00f6glicherweise auch weil er eine Fehlinterpretation seiner \u201emagischen\u201c Zahl vorhergesehen hatte, ermahnt Miller (1956) den Leser wiederholt, sein rhetorisches Mittel nicht f\u00fcr bare M\u00fcnze zu nehmen. Entsprechend lautet der letzte Satz seines Artikels: \u201ePerhaps there is something deep and profound behind all these sevens, but I suspect that it is only a pernicious, Pythagorean coincidence\u201d, also auf Deutsch in etwa: \u201cVielleicht steckt etwas Tiefgr\u00fcndiges und Bedeutsames hinter all diesen Siebenen, aber ich vermute, dass es sich hier nur eine sch\u00e4dliche, Pythagor\u00e4ische Zufallsbegebenheit handelt.\u201c Wie sich herausstellte waren Millers Bem\u00fchungen, eine Fehlinterpretation seines Artikels zu verhindern umsonst; es w\u00e4re interessant zu wissen, was passiert w\u00e4re, h\u00e4tte er nicht die Anf\u00fchrungszeichen um \u201emagisch\u201c weggelassen.<\/p>\n<h3>Chunking und die \u201emagische\u201c Zahl 4\u00b11<\/h3>\n<p>Menschen k\u00f6nnen nur eine sehr begrenzte Menge von Informationen aktiv im Arbeitsged\u00e4chtnis<sup>1<\/sup> halten. Im Alltag verwendet man das Arbeitsged\u00e4chtnis zum Beispiel beim lautlosen Wiederholen einer Telefonnummer, um diese direkt ins Telefon einzutippen. Ein zentrales Thema in Millers (1956) Artikel ist, wie Leute es schaffen, viel mehr Information im Arbeitsged\u00e4chtnis zu halten als ihre begrenzte Kapazit\u00e4t eigentlich zulassen w\u00fcrde. Er nimmt an, dass kleinere Informationseinheiten in gr\u00f6\u00dferen und bedeutungshaltigeren Einheiten zusammengefasst werden. Dieser Prozess wurde unter der Bezeichnung <i>Chunking<\/i> bekannt. Zum Beispiel kostet das Behalten von <i>Frankreich<\/i> als ein Chunk f\u00fcr die Farbreihe <i>blau, wei\u00df, rot<\/i> viel weniger Speicherkapazit\u00e4t als wenn man versucht sich tats\u00e4chlich <i>blau, wei\u00df, rot<\/i> zu merken. Diese Rekodierungs-Strategie funktioniert nat\u00fcrlich nur, wenn auch das entsprechende Wissen zur Verf\u00fcgung steht. Anders ausgedr\u00fcckt, wie effektiv Chunking ist h\u00e4ngt davon ab, was die Person an Wissen mitbringt. Diejenigen, die die Flagge von Frankreich nicht kennen, k\u00f6nnen von der beschriebenen Chunking-Strategie auch nicht profitieren. Bei genauem Hinsehen merkt man, dass man selbst st\u00e4ndig Informationen chunkt, zum Beispiel wenn man, anstatt jeden einzelnen Buchstaben zu lesen und zu erinnern, ganze W\u00f6rter oder noch gr\u00f6\u00dfere Chunks auf einmal liest und beh\u00e4lt. Wenn man dann aufgefordert wird, die einzelnen W\u00f6rter oder Buchstaben wiederzugeben, kann man mit Hilfe seines Wissens um die Schreibweise von W\u00f6rtern und um grammatikalische Strukturen diese Informationen relativ gut \u201eentpacken\u201c. Nat\u00fcrlich ist weder das urspr\u00fcngliche Chunking noch das sp\u00e4tere \u201eEntpacken\u201c ein bewusster Prozess. Wie auch bei vielen anderen hoch trainierten Fertigkeiten<sup>2<\/sup> erh\u00f6ht die \u201eUmgehung\u201c des Bewusstseins sehr stark die Effizienz des Chunkings. Chunking findet auch statt wenn ein gl\u00e4ubiger Katholik aufgefordert wird, einen Rosenkranz zu beten anstatt der genauen Anzahl an <i>Ehre sei dem Vaters<\/i>, <i>Ave Marias<\/i> und <i>Vaterunsers<\/i> (noch komplizierter w\u00fcrde es wenn der Pfarrer dem Gl\u00e4ubigen jedes Mal den genauen Wortlaut dieser Gebete nennen m\u00fcsste), oder wenn ein UI Designer \u00fcberlegt, Metro Style (der eine Reihe von Design Prinzipien spezifiziert) zu verwenden.<br \/>\nOffensichtlich sind Schule, Arbeit und das Leben im Allgemeinen zu einem gro\u00dfen Teil Trainingslager f\u00fcr das Chunking von Informationen, weil jedes neu erworbene Faktenwissen prinzipiell Chunking unterst\u00fctzen kann. Da Menschen diese Fertigkeit so stark trainiert haben und sie meist unbewusst nutzen, w\u00e4re es \u00fcberraschend, wenn sie sie nicht auch in kognitiven Experimenten (oder bei der Benutzung von UIs) anwenden w\u00fcrden. Daraus folgt, das Chunking ziemlich sicher auch in den Studien verwendet wurde, die Miller (1956) vor mehr als 55 Jahren aufgearbeitet hat. Daher hat Miller Kapazit\u00e4tsgrenzen wohl deutlich \u00fcbersch\u00e4tzt. Um validere Einsch\u00e4tzungen f\u00fcr Kapazit\u00e4tsgrenzen zu erhalten, m\u00fcssen Schritte unternommen werden, um sicherzustellen, dass kein Chunking stattfindet oder dass das Ausma\u00df an Chunking unter experimentelle Kontrolle gebracht wird. Diese weiterentwickelten Techniken haben zu aktuellen Sch\u00e4tzungen der \u201emagischen\u201c Zahl auf in etwa 4\u00b11 gef\u00fchrt (Cowan, 2001). An dieser Stelle sei direkt erw\u00e4hnt, dass auch diese Zahl m\u00f6glicherweise nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Ziemlich wahrscheinlich haben auch diese weiterentwickelten Techniken zur Bestimmung von Kapazit\u00e4tsgrenzen ihre M\u00e4ngel. Hinweise f\u00fcr eine Kapazit\u00e4tsgrenze in der N\u00e4he von Vier h\u00e4ufen sich in letzter Zeit allerdings. Au\u00dferdem steht die Existenz von kognitiven Kapazit\u00e4tsgrenzen (was auch immer ihre genauen Ausma\u00dfe und Gr\u00fcnde) zumindest in der experimentellen Psychologie au\u00dfer Frage.<br \/>\nDie Quintessenz bisher ist, dass (a) die breite Anwendung der \u201cmagischen Zahl Sieben\u201d auf einer Fehlinterpretation der Arbeit von Miller (1956) basiert, dass (b) Chunking eine allgegenw\u00e4rtige Strategie f\u00fcr das Erinnern von Informationen ist und dass (c) kognitive Kapazit\u00e4tsgrenzen eher in der N\u00e4he von Vier liegen. Der zweite Teil dieses Artikels behandelt die Relevanz von kognitiven Kapazit\u00e4tsgrenzen \u00fcber das Arbeitsged\u00e4chtnis hinaus. Au\u00dferdem werden einige Implikationen von Kapazit\u00e4tsgrenzen f\u00fcr das Design von UIs diskutiert.<br \/>\n<br \/><font size=\"1,7\"><sup>1<\/sup>Arbeitsged\u00e4chtnis ist eine hypothetisches kognitives Konstrukt, dass die Funktion hat eine kleine Menge an Informationen aufrechtzuhalten und zu verarbeiten. Miller benutzt anstatt Arbeitsged\u00e4chtnis den Ausdruck <i>immediate memory<\/i> (in etwa \u201eunmittelbares Ged\u00e4chtnis\u201c). Wie auch <i>Kurzzeitged\u00e4chtnis<\/i>, bezieht sich immediate memory, grob gefasst, auf die passive Speicherfunktion des Arbeitsged\u00e4chtnisses. Das Arbeitsged\u00e4chtnis ist allerdings das theoretisch besser ausgearbeitete und in der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion h\u00e4ufiger verwendete Konstrukt.<br \/>\n<sup>2<\/sup>Im UI Design ist das Konzept des <i>muscle memory<\/i> relativ popul\u00e4r (s. z.B. <a href=\"http:\/\/www.centigrade.de\/de\/blog\/die-rueckkehr-des-pie-menues\/\">Kiermasch, 2010<\/a>).<\/font><\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<ul>\n<li>Cowan, N. (2001). The magical number 4 in short-term memory: A reconsideration of mental storage capacity. <i>Behavioral and Brain Sciences, 24<\/i>(1), 87-185. doi: 10.1017\/S0140525X01003922<\/li>\n<li>Eisenberg, B. (2004, October 29). Debunking Miller\u2019s magic 7. Abgerufen von <a href=\"http:\/\/www.clickz.com\/clickz\/column\/1694545\/debunking-millers-magic\">http:\/\/www.clickz.com\/clickz\/column\/1694545\/debunking-millers-magic<\/a><\/li>\n<li>Kiermasch, J. (2010, June 16). Die R\u00fcckkehr des Pie Men\u00fcs. Abgerufen von <a href=\"http:\/\/www.centigrade.de\/de\/blog\/die-rueckkehr-des-pie-menues\/\">http:\/\/www.centigrade.de\/de\/blog\/die-rueckkehr-des-pie-menues\/<\/a><\/li>\n<li>Miller, G.A. (1956). The magical number seven, plus or minus two: Some limits on our capacity for processing information. <i>Psychological Review, 63<\/i>(2), 81-97. doi: 10.1037\/h0043158<\/li>\n<li>Miller, G.A. (1989). George A. Miller. In G. Lindzey (Hrsg.), <i>A history of psychology in autobiography<\/i> (Bd. VIII, S. 391-418). Stanford, CA: Stanford University Press.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"author":23,"featured_media":0,"template":"","tags":[166,163,162],"class_list":["post-2419","blog","type-blog","status-publish","hentry","tag-design-prinzipien","tag-gedaechtnis","tag-psychologie"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/blog\/2419","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/blog"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/blog"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/23"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/blog\/2419\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.centigrade.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}