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Gebrauchsanweisung für Digital Designer*innen – Wie Sie störrische Digital Designer*innen führen, um sie zu Höchstleistungen anzutreiben.

Aline Barré

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Sie sind Projektverantwortliche*r, Projektmanager*in oder arbeiten regelmäßig mit Designer*innen und haben es satt, ständig zeitintensive anstrengende Diskussionen über notwendige Features und Ihre brillanten Ideen zu führen?

intervention

Dann begrüße ich Sie herzlich zu meiner Intervention: Wir müssen reden…

Der Auslöser dieses Textes ist die steigende Frustration und Resignation, die ich bei vielen teils sogar noch jungen Designer*innen in meinem Umfeld bemerke. Ausgelöst wird diese Frustration von so manchen Projekt-Mitspieler*innen – nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Unwissenheit, dem Wunsch nach Selbstverwirklichung, alten Strukturen und Kontrolle, Ungeduld, Zeitmangel, dem falschen Mindset, sowie dem Unwissen darüber, was Design heute bedeutet.

Ich richte diesen Text deswegen vor allem an Sie, die Projektmanager*innen, die das Zusammenspiel verschiedener Disziplinen bei der Entwicklung digitaler Produkte und Prozesse von morgen koordinieren und Designer*innen helfen können, diese Frustration durch mehr Verständnis und ein offeneres Miteinander aufzulösen. Ich selbst arbeite seit 16 Jahren als Designerin, in den letzten Jahren aber verstärkt im Projektmanagement. Meine Hauptaufgabe ist die strategische Leitung des Designteams bei Centigrade. Von diesem Team höre ich regelmäßig, mit welchen Alltagsproblemen sich unsere Designer*innen herumschlagen.

Ich richte diesen Text aber auch an Digital Designer, die tagtäglich für eine bessere User Experience kämpfen und so müde davon sind, schlechte Ideen und unwichtige Features auszuarbeiten, die nicht entlang eines mensch-zentrierten Prozesses entstanden sind, sondern von Projektbeteiligten hineingetragen werden.

Ich möchte ein besseres Verständnis für die Arbeit der Digital Designer schaffen, um Projektbeteiligte zu sensibilisieren.

Die Top 5 Denkfehler zu Digital Design und wie es wirklich ist

#1: Digital Designer*innen schubsen keine Pixel – sie lösen Probleme.

Ein Mythos, der mir zu häufig im Alltag begegnet, ist der Irrglaube, dass man als Digital Designer die Produkte einfach nur etwas aufhübscht, Logos und Buttons größer macht, anschließend noch ein paar Farben und Schriften ändert und Freude daran findet, so viele Iterationen und Kompromisse auszuarbeiten, bis man (wenn überhaupt) irgendwann zu einem mittelmäßigen Ergebnis findet. Dabei sollte man stets freundlich lachen, winken und zustimmen. Bad News: Das ist leider nur eine Illusion, die uns in zu vielen Hollywood-Serien untergeschoben wird, um den Beruf möglichst simpel, hip und attraktiv zu machen. Schauen wir uns deswegen lieber gemeinsam die Realität an.

Skelett at work

Die Arbeitswelt als Designer*in hat sich gerade im Softwaresektor in den letzten Jahren elementar verändert. Digital Designer treten für mensch-zentrierte Lösungen an und gestalten Sicherheitsmechanismen für komplexe Anwendungen. Sie fokussieren sich auf die Gestaltung von erwartungskonformen Interaktionsparadigmen, um Nutzer*innen mit Kompetenzerlebnissen bei der Anwendung eines Produktes zu beflügeln. Sie setzen sich mit ISO-Normen und Systemlandschaften auseinander, dokumentieren und arbeiten dabei in großen Projektteams, bestehend aus Programmierer*innen, User Researcher*innen, Kund*innen, Nutzer*innen, Marketingverantwortliche und Manager*innen, die natürlich alle vom Design überzeugt werden müssen. Währenddessen, beschäftigt sich der*die Designer*in noch mit den jährlich wechselnden Tool-Landschaften, Technologien, Trends und Looks, um den Anschluss nicht zu verlieren.

#2: Digital Designer*innen arbeiten nicht für Auftraggeber*innen, sondern für ihre Nutzer*innen und sind bereit, in deren Sinne Entscheidungen zu treffen, jenseits des persönlichen Geschmacks.

Digital Designer sehen sich als Anwält*innen ihrer Nutzer*innen, nicht als „Everybody’s Darling“, und haben nicht den Anspruch, es jedem recht zu machen. Sie folgen einem mensch-zentrierten Design-Prozess und stellen ihre eigenen Egos und Ideen hinten an, um die Bedürfnisse der Nutzer*innen im Fokus zu behalten. Sie erarbeiten skalierbare Produkte und dokumentieren ihre Arbeit in Design-Systemen, die ihre eigene Kreativität einschränken, weil sie den Mehrwert verstehen und an das Prinzip „Single Source of Truth“ glauben. Die meiste Zeit sind sie aber damit beschäftigt, die Projekt-Personas am Leben zu halten, subjektive persönliche Geschmäcker und Meinungen abzuwehren und den Scope des Projektes einzuhalten.

Skelett at worktable

Designer*innen benötigen deswegen mehr Vertrauen, Verständnis, Respekt vor ihren Räumen, um ihre Arbeit machen zu können. Dieser Raum wird benötigt, um im Team auf objektiver Basis die richtigen Entscheidungen zu besprechen und diese auszuarbeiten. Persönliche Geschmäcker sind in der Ausarbeitung von mensch-zentrierten Produkten fehl am Platz und verursachen lange Diskussionen, viele Iterationen und schlechte Kompromisse, die dem Produkt schaden und Budgets auffressen. Die Frage, warum ein*e Designer*in wie folgt entschieden hat, ist immer erlaubt. Sie lieben es, in der Tiefe objektiv zu argumentieren und freuen sich über die Akzeptanz ihrer durchdachten Entscheidungen.

#3: Gute Digital Designers sagen nicht zu allem ja. Sie sind unbequem, anstrengend und diskutieren gerne, bevor sie nicht validierte Ergebnisse einfach hinnehmen.

Wenn der*die Designer*in immer alles nur noch gut findet, was das Projektteam zurückmeldet, Änderungen ohne Gegenwehr umsetzt, bedeutet dies zu einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit, dass diese*r innerlich abgestorben ist, schon lange resigniert hat und keinen Sinn mehr darin sieht, mit Ihnen ernsthaft über seine*ihre Arbeit zu diskutieren. Sollten Sie diesen leblosen Zustand bei Ihrem*Ihrer Designer*in feststellen, heißt das, dass Sie leider keine gute Feedback-Kultur haben. Aber keine Sorge, Sie können sein*ihr Vertrauen zurückgewinnen. Versuchen Sie einfach, Design-Entscheidungen wieder Ihrem*Ihrer Designer*in zu übertragen, fragen Sie nach seiner*ihrer Meinung, lassen Sie sich auf Augenhöhe beraten und nehmen Sie sinnvolle Vorschläge auch mal an.

Skelett terrified

Vertrauen Sie der Expertise Ihrer Designer*innen wie Sie Ihrem Gehirn-Chirurgen auch bei einer Gehirn-OP vertrauen würden. Der Vergleich wirkt vielleicht etwas hochgegriffen, aber mit dem*der Allgemeinmediziner*in funktioniert er schon nicht mehr. Hausärzt*innen werden wie Designer*innen, Fußballtrainer*innen oder Virolog*innen auch regelmäßig Kompetenzen abgesprochen von selbsternannten Google-Profis, die es einfach besser können/wissen! (Das war Ironie.)

Freuen Sie sich stattdessen lieber über die lebhafte Gegenwehr, gehen Sie den Fragestellungen wertschätzend nach und erleben Sie, wie durch mehr Vertrauen und größere Spielräume Produkte entstehen, von denen sogar letztlich Ihre Nutzer*innen profitieren. So schaffen Sie eine gesunde Basis, in der Ihr*e Designer*in wieder ambitioniert Entscheidungen und Prozesse hinterfragt, nach dem “warum” sucht. Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Ihr*e Designer*in Ihnen erklärt, warum Ihr Produkt schlecht ist, denn gleich danach wird er*sie nach einer Lösung suchen, um es besser zu machen.

Designer*innen sind sensibel und benötigen eine Umwelt, die respektvoll und weniger  toxisch ist. Probieren Sie es aus, Sie werden Ihre Designer*innen aufblühen sehen.

#4: Ich seh in dein Herz. Gebe gutes Feedback – schlechtes Feedback (GFSF)

Wenn Designer*innen um Feedback bitten, geht es selten darum, vom Projektteam zu erfahren, wie sie Buttons schöner gestalten können, welche Farben sie stattdessen besser gewählt hätten oder um zu erfahren, ob Arial vielleicht die besser Schriftwahl gewesen wäre. Wir fragen gezielt nach Feedback, um zu erfahren, ob die Inhalte des Produktes richtig abgebildet wurden und Interaktionen erwartungskonform zur Maschine passen. Diesen Punkt finden meistens leider alle anderen aus dem Projekt mega langweilig, weswegen Designer*innen 90% ihrer Zeit mit Teil 1 auf Trapp gehalten werden. Anschließend entstehen kompromiss-schwangere Frankensteins Monster-Screens aus Version 1,3,4 und 6,15 und 25, um anschließend festzustellen, dass das Ergebnis doch nicht so richtig „knallt“.

Leider wird es nicht gerne gesehen, wenn Designer*innen von solchen Experimenten abraten, was ich häufig mit fehlendem Vertrauen in deren Expertise verbinde. Kennt man die zeitaufwändigen Arbeitsschritte der Designer*innen, um zu einem finalen homogenen und visuell ansprechenden Design zu finden, wüsste man, wie viele verschiedene Kombinationen bereits durchgespielt und für unzureichend befunden wurden. Um niemandem auf den Schlips zu treten, lassen Designer*innen zu oft zu, dass jede*r eine eigene Idee im Design positionieren kann, auch wenn sie aus Expert*innensicht keinen Sinn macht. Projekte, die so ablaufen, haben leider häufig das gleiche Ergebnis: Projektmanager*in zufrieden, Designer*in frustriert, Nutzer*in verfehlt.

Skelett at work

Dafür habe ich einen leicht umsetzbaren Rat im Gepäck: Mehr Verantwortung ins Design geben, weniger Spaß an Iterationen finden, Vetos akzeptieren – einfach aber effektiv. Konzentrieren Sie sich mit Ihrer Expertise lieber auf die Inhalte und die Funktionalität, die Ihr Produkt widerspiegeln soll. Stellen Sie konkrete Fragen oder sprechen Sie über objektiv nachvollziehbare Probleme. Vermeiden Sie subjektives Feedback, dass mit „irgendwas und irgendwie“ startet, lassen Sie sich gerne beraten und versuchen Sie, Ihre Designer*innen nicht im Trüben Ihres unspezifischen Feedbacks fischen zu lassen, denn das kann sehr zeitintensiv und teuer werden.

#5: Digital Designer designen. Wenn man glaubt, man wäre der einzige Designer im Projekt und plötzlich feststellt, dass das gesamte Team in der Rolle des Art Directors teilnimmt. Klären Sie darum in Ihrem Team frühzeitig Verantwortlichkeiten und Rollen. Und nehmen Sie frühzeitig echte Designer*innen mit ins Boot.

Immer wieder beobachte ich, wie in der frühen Produktentstehungsphase bewusst auf Designer*innen verzichtet wird. User Research als zu teuer und zeitintensiv wegrationalisiert wird und die Persona auf dem Server begraben wurde. Stattdessen haben längst „persönliche Requirements“ Einzug ins Produkt gefunden. Natürlich können nicht immer alle Rollen in allen Workshops und Meetings in das Produkt einbezogen werden. Verzichten Sie an bestimmten Wegpunkten jedoch keinesfalls auf den*die Designer*in. Einer der größten Fehler, den ich in vielen Projekten sehe, ist das viel zu späte Hinzuziehen der Digital Designer.

Skelett help

Was Designer*innen in Projekten häufig nur noch bleibt, ist Schadensbegrenzung. Man könnte es auch Lipstick on a pig nennen. Gerade wenn wir über das Thema Nachhaltigkeit oder Vision sprechen, kann der*die Designer*in nicht früh genug mit am Tisch sitzen. Stattdessen ärgern wir uns lieber darüber, dass Designer*innen viel zu spät unangenehme nervige Fragen stellen und wenig Begeisterung für das Produkt zeigen. Lieber würde man sich anstrengende Gespräche über Nutzer*innen, Requirements, User Experience, Ethik und die fehlende Nachhaltigkeit ersparen, um stattdessen endlich mal PS auf die Straße zu bekommen. Aus Design-Sicht würde ich dieses Vorgehen als “Garbage in – Garbage out” bezeichnen. Die Lösung: Beziehen Sie so früh wie möglich Designer*innen bei wichtigen Produkt-Entscheidungen ein, dann klappt es auch mit der Begeisterung und den guten Lösungen.

Resumé

Eigentlich ist es nicht schwer, den Digital Designers eine Umwelt zu bieten, in der sie einen guten Job machen können. Geben Sie ihnen den nötigen Sauerstoff, vertrauen Sie in ihre Expertise, erkennen Sie den Wert von Design bei der Lösung von Problemen, streichen Sie das veraltete Bild des Pixelschubsers aus Ihrem Kopf und stellen Sie Ihre persönlichen Geschmäcker zurück. Lassen Sie sich fallen in ein völlig neues Mindset, dass Ihnen Arbeit und Zeit spart und einen vollkommen neuen Vibe im Projekt auslösen wird.

An alle Designer*innen: Eure Fähigkeit ist es nicht nur, Dinge schön aussehen zu lassen (und ja, das können wir auch), sondern vor allem wichtige Probleme für Nutzer*innen zu lösen. Klärt auf, woran ihr glaubt und was Design wirklich bedeutet. Hört auf, schlechte Kompromisse oder Entscheidungen von Außenstehenden bequem abzunicken. Hinterfragt weiterhin schlechte Produktlösungen. Hinterfragt die Basis, auf der euer Gegenüber gerade eure Arbeit bewertet wird und entscheidet selbst, ob diese Basis ausreichend ist, um darauf aufbauend Änderungen vorzunehmen. Werdet nicht müde, subjektives Feedback abzuwehren. Haltet an euren Nutzer*innen fest. Besetzt die Räume, die euch zustehen. Habt trotzdem weiter ein offenes Ohr für andere Ideen und Rückmeldungen. Führt Gespräche über das Arbeitsumfeld und sprecht über die Bedürfnisse, um einen guten Job machen zu können.

Designer*innen müssen lernen, wieder an ihre Arbeit zu glauben und dafür bereit sein, viele aufklärende Gespräche zu führen. Designer*innen tragen Verantwortung, denn sie sind die Design Thinker, die dafür sorgen können, dass in Zukunft bessere und nachhaltigere Produkte geschaffen werden. Daher meine Bitte an euch: Seid anstrengend, seid laut, seid die lebendigen Designer*innen, die wir für eine bessere Zukunft so dringend brauchen.

An alle Nicht-Designer: Beschäftigen Sie sich mehr mit der Komplexität von Design. Legen Sie den Irrglauben ab, dass Designer*innen da sind, um oberflächlich ein paar Pixel zu schieben und Ihre Ideen zu verwirklichen. Designer*innen arbeiten für die Nutzer*innen des Produktes. Für Ihre Nutzer*innen. Bewerten Sie Design nicht nach persönlichen Vorlieben, sondern fokussieren Sie sich auf das Verständnis der Nutzer*innen. Finden Sie Wege, wie Sie Ihr*e Designer*innen mit Ihrem Know-How unterstützen können, statt ihre Hand zu führen, weil Sie keine Kontrolle abgeben können. Suchen Sie den Dialog – Designer*innen werden Ihnen gerne erklären, auf welcher Basis deren Entscheidungen fußen. Bevor Sie mit subjektivem Feedback das Design ruinieren, denken Sie darüber nach, wie Sie es konstruktiv und objektiv formulieren können. Ihre Designer*innen brauchen Ihre Unterstützung, denn nur indem Sie unser Grundverständnis von Design teilen, schaffen wir es, lebendige und mensch-zentrierte Produkte zu erschaffen. Sie sind es, die die Räume der Designer*innen aufmachen und schützen können, damit diese tun können, was sie am besten können: Probleme auf die schönste Art und Weise zu lösen.

Dafür gibt’s dann auch ganz viele Props, Love und Respect von eurem Designteam – versprochen. We are all in this together <3.

Fotos: Tara Winstead, fizkes

 

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