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IoT erobern mit Lean UX – Teil 1

Simon Kieke
Simon Kieke
30. November 2017

Ende 2014: Erstmalig drängt sich der Begriff IoT (Internet of Things) im deutschsprachigen Raum stark ins öffentliche Bewusstsein. Das Konzept steckt voller Verheißungen: Privatmenschen könnten bei der Bewältigung alltäglicher Probleme auf eine rundum miteinander vernetzte und intelligente Umwelt bauen. Unternehmen könnten Produkte und Services entwickeln die bisher undenkbar waren und diese im großen Stile absetzen. McKinsey prognostiziert einen potenziellen ökonomischen Effekt von 2,7 bis 6,2 Billionen US Dollar und Unternehmen wie Intel zeichnen die IoT Welt in den buntesten und gewinnträchtigsten Farben.  Kein Wunder, dass Produktmanager und leitende Angestellte in Firmen sämtlicher Industrienationen den Auftrag erhalten, beim Thema IoT aufzuspringen.

Ende 2017, drei Jahre später, stellt sich eine gewisse Ernüchterung ein. Zwar schaffen einzelne Konzerne wie Alphabet oder Amazon es, mehr oder weniger erfolgreiche IoT Produkte am Markt zu platzieren, doch gerade mittelständische Unternehmen tun sich schwer, die neuen Möglichkeiten für sich zu nutzen und große Erfolge mit IoT Produkten zu feiern. Woran liegt das? Und lassen sich nicht womöglich auch mit geringerem Risiko und ungewohnten Methoden wie „Lean UX“ bemerkenswerte Resultate erzielen?

Kai Deller – Head of Design bei Centigrade


„Lean Prinzipien helfen in dem großen Feld “Internet of Things” einen Einstieg zu finden, indem der Startpunkt eines jeden Projektes auf der Grundlage von menschlichen Bedürfnissen gewählt wird. Die Komplexität von “IoT” wird durch einen schlanken Projektfokus und kontinuierliches Lernen beherrschbar. Dieser Fokus ermöglicht es, mit Methoden wie Rapid Prototyping schon früh wegweisende Erkenntnisse hervorzubringen, welche gerade für haptische Produkte unerlässlich sind.“

Der Sprung von der Klippe

Viele mittelständische Unternehmen sind keine Technologie-Konzerne, sondern verfügen über ein Produktportfolio mit einem gewissen analogen Anteil, für das sie beim Thema IoT grundsätzlich neue Services und Geschäftsmodelle entwickeln müssten. Das erfordert nicht nur ein extremes Maß an Innovationfähigkeit, sondern auch service-orientierte und technologische Kompetenzen, die bis vor wenigen Jahren für die betreffenden Unternehmen deutlich geringere Relevanz hatten und die nun ausgebaut werden müssten.

Hohe Kosten und ein unsicherer Return on Invest – der Einstieg in das Thema IoT gleicht bei dieser Perspektive für viele Unternehmen dem Sprung von einer Klippe in die stürmische See. Es ist ungewiss, ob das Wasser unter den Wellen tief genug ist, oder ob die Landung auf einem Korallenriff äußerst unangenehm werden würde. Gleichzeitig bleibt der Wunsch, beim Thema IoT mitzuschwimmen, ungebrochen, denn nach wie vor sind davon völlig neue Absatzmärkte und Profite zu erwarten. Soll man nun springen – oder nicht?

„Ein bisschen“ ist deutlich besser als nichts

Manager in diesen Unternehmen dürften das „Nun spring doch endlich!“ gründlich satthaben und zu Recht als unverantwortlich einordnen. Es fehlt nicht am Entwicklungswillen, sondern an kontrollierten Einstiegsmöglichkeiten in das unbekannte IoT-Gewässer.

Ohnehin fällt bei näherer Betrachtung auf, dass die Wellen künstlich hochschlagen. Das „schwarz- und weiß“ Denken ist nicht zielführend. Im Gegenteil hemmt es, ähnlich wie die Vorstellung von IoT als eine Art heiliger Gral zukünftiger wirtschaftlicher Entwicklungen die Handlungsfähigkeit der Unternehmen. Dabei scheinen gerade die Firmen erfolgreicher als andere zu sein, die sich der mitunter hysterischen „alles oder nichts“ Mentalität verweigern und die stattdessen im ganz Kleinen damit anfangen, neu über ihre bestehenden Produkte nachzudenken und sie inkrementell, evolutionär mit digitalen Services anzureichern.

Unerwartete Komplizen: User Experience Dienstleister

Unterstützung kann hierbei von User Experience Dienstleistern kommen, zu deren täglicher Arbeitsrealität es seit Jahren gehört, mittels Lean UX Methoden und kleiner „MVPs“ Produkte evolutionär und risikoarm, Schritt für Schritt zu verbessern. Zu den Möglichkeiten des Einsatzes von Lean UX im IoT Umfeld hat Kai Deller, Head of Design bei Centigrade, vor kurzem auf der Konferenz Internet of Things einen Vortrag gehalten. Im Folgenden möchte ich beginnen, das Konzept von Lean UX anhand der Session meines Kollegen vorzustellen. Tiefer ins Detail gehen wird Kai Deller aber selbst in einem sich anschließenden, weiteren Blogartikel.

Erfolgreich ist, wer Bedürfnisse von Nutzern erfüllt

Der Lean UX Ansatz fußt auf Methoden des „Lean manufacturing“ – ein System, das darauf abzielt, überflüssige Produktionsschritte und Materialien aus dem Prozess auszuschließen und nur Aktivitäten zuzulassen, die zum letztlichen Wert des Produkts für den Endnutzer beitragen. Dieser Fokus auf konkrete Bedürfnisse von Nutzern führt zu einem Entschlacken, durch das nicht nur Produktionsprozesse effizienter werden, sondern wodurch schon bei der Projektdefinition kleinere, beherrschbarere Pakete entstehen.

Pro Projekt wird immer genau ein Nutzerbedürfnis – nicht zwei oder drei – identifiziert, das durch die Nutzung des Produkts befriedigt werden soll. Die Entwicklung sämtlicher weiterer „Funktionen“, „Features“ und „Requirements“ wird dem gegenüber nachrangig behandelt.

Das erste iPhone – von Carl Berkeley – Riverside California, via Wikimedia Commons

Ein radikales Beispiel für den Erfolg dieses kompromisslosen Ansatzes ist das erste iPhone aus dem Jahr 2007: Viele Funktionalitäten, die damals als goldener Standard für Software galten, wurden bei der Produktion einfach über Bord geworfen. Dazu gehörten unter anderem:

  • Kopieren & Einfügen
  • Undo / Redo
  • Installierbare Programme (Apps)

Dafür wurde ein völlig neues menschliches Bedürfnis abgedeckt. Der Nutzer konnte plötzlich immer und überall zuverlässig auf das Internet zugreifen: das gesammelte Wissen der Welt in der eigenen Hand und die „Superkraft“ jede Frage, jederzeit beantworten zu können. So ist ein nicht perfektes, aber lebens- und begeisterungsfähiges Produkt entstanden, das ein spezifisches Problem für einen spezifischen Nutzertyp in einem spezifischen Kontext löst – ein sogenanntes Minimum Viable Product (kurz MVP).

Ausblick

Genau in diesem Fokus auf die Erfüllung eines einzigen Nutzerbedürfnisses liegt eine große Innovationskraft für IoT Projekte. Mittels des MVP Ansatzes und weiterer Tools und Methoden von Lean UX, kann schon auf die Zielsetzung und Projektdefinition so eingewirkt werden, dass im Rahmen eines einzelnen überschaubaren Projekts ein signifikanter und sogar vermarktbarer Mehrwert entsteht. Dadurch wird ein kontrollierter Einstieg in das Thema IoT möglich – anstatt eines Sprungs ins Ungewisse. Es können risikoarm kleine IoT Produkte entwickelt werden, die bereits einen Mehrwert an sich bieten. Um genauer zu erklären, welche weiteren Methoden und Prinzipien genutzt werden können, wird mein Kollege Kai Deller in einem späteren Artikel einige Lean Prinzipien präsentieren und aufzeigen, wie Manager diese Prinzipien nutzen können, um in ihren Unternehmen dem Thema IoT ein neues Momentum zu geben.

Falls Sie Fragen zum strategischen Einsatz von UX Methoden haben sollten, können Sie sich auf unserer UX Strategy Service Seite einen weiteren Einblick verschaffen.

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