
Die Arbeit mit Personas ist in der Produktentwicklung längst etabliert – und gleichzeitig oft zu flach: hübsch gestaltete Steckbriefe, die einmal präsentiert und danach selten wieder verwendet werden. Thomas Immich, Geschäftsführer von Centigrade und Gründer des KI-gestützten Tools LeanScope AI, denkt diesen Ansatz grundlegend neu. Für ihn sind Personas keine statischen Abbilder, sondern interaktive Projektionsflächen – dialogfähig, lernfähig und wegen neuer Erkenntnisse im User Research auch in stetiger Entwicklung. Im Gespräch mit Annett Bergk erklärt er, wie generative KI die Nutzung von Personas beschleunigen, vertiefen und gleichzeitig menschlicher machen kann. Und warum lebensnahe textbasierte Beschreibungen manchmal mehr bewirken, als ein vermeintlich perfektes Profilbild.
Herr Immich, was macht eine „gute“ Persona im Zeitalter generativer KI aus?
Sie muss im jeweiligen Produktkontext helfen, bessere Feature-Entscheidungen zu treffen und sie möglichst realitätsnah sein, also die Erkenntnisse aus dem User Research widerspiegeln. Mit KI werden Personas lebendig und interaktiv, man kann mit ihnen sprechen, diskutieren und brainstormen… und sie entwickeln sich weiter. Das macht Storytelling und Behavior Models relevanter und bindet Teams stärker ein bzw. verteilt Zielgruppen-Wissen auf eine ganz intuitive und leichtgewichtige Weise.
Was war der Impuls, LeanScope AI zu entwickeln?
LeanScope AI ist im Kern ein Lean-UX-Management-Tool – es gibt das Produkt schon seit rund sieben Jahren. Ursprünglich diente es dazu, den gesamten Product Discovery Prozess strukturieren und die menschlichen Artefakte wie Jobs to be Done, Nutzungsszenarios, User Stories und User Journey Maps an einem Ort zu bündeln. Später haben wir LeanScope um KI ergänzt und können so die Erkenntnisse aus dem User Research-Prozess lebendiger ins Team zurückspielen.
Wo sehen Sie heute den größten Bedarf für KI-gestützte Personas
Dort, wo klassische Prozesse an emotionaler Anschlussfähigkeit scheitern. KI-Personas übersetzen Daten in erlebbare, menschlich greifbare Form und regen Teams durch Fragen zu neuem Denken und passgenaueren Ideen an.
Wie läuft der Prozess mit LeanScope AI ab?
In der Regel starten wir bei Centigrade mit einer komplett KI-generierten Proto-Persona als Warm-up mit der man direkt sprechen kann. Aus dem Gespräch ergibt sich dann ein passgenauer Interview-Leitfaden, der dann für Interviews mit echten Nutzenden zurate gezogen werden kann. Das Feedback der Nutzenden fließt – oft über ein KI-Transkript einer Meetingaufsicht – iterativ zurück in KI-Persona, sodass diese mitlernt und in Workshops oder virtuellen Fokusgruppen interaktiv mitdiskutieren kann.
Was unterscheidet Ihren Ansatz von klassischen UX-Prozessen?
Personas sind bei uns durch User Research abgesicherte Projektionsflächen, die sprechen können und mit Gamification-Elementen Empathie fördern, statt frei-erfundene 3D Avatare im Uncanny Valley sein wollen.
Wie meinen Sie das?
Eine gut formulierte, sprachlich verdichtete Persona mit der man sprechen kann aktiviert Vorstellungskraft stärker als eine visuell aufgeladene Darstellung mit Foto, Hobbys und Lieblingskaffee. Der authentische, interaktive Dialog fördert Empathie und Neugier mehr als visuelle Oberflächlichkeiten.
Worin liegen aus Ihrer Sicht die größten Mehrwerte beim Einsatz von KI in diesem Prozess?
Die Persona hat ein Gedächtnis und vergisst nicht, reagiert kontinuierlich auf Änderungen im Projekt oder neuen Erkenntnissen im User Research oder Product-Testing und wird zum interaktiven Sparringspartner.
Gibt es Grenzen?
KI kann keine völlig neuen Zielgruppen entdecken sondern nur Bestehendes kombinieren, Large Language Models sind keine Wundermaschinen, aber sie können Perspektiven verdichten und Denkprozesse anregen. Vor allem erinnern sie im richtigen Moment an die richtigen Dinge, die bei der vielen Ablenkung, die wir heutzutage im Projektalltag erfahren, sonst auch ganz schnell mal vergessen werden Beispielsweise hatte ein Projektteam durch die KI-Persona erfahren, dass ihre Idee zur Gesichtserkennung nicht funktionieren kann, weil die Persona eine Schutzbrille in der Werkshalle trägt. Da waren alle sehr verwundert, als sie das hörten und gleichzeitig froh, dass die Idee nicht weiter ausgearbeitet worden ist..
Wohin entwickelt sich das Thema?
KI wird bald selbstständig Feedback einholen, Oberflächen bedienen und Userreaktionen testen. Umso wichtiger ist, dass Menschen die langfristigen Ziele und Werte von Produkten bestimmen. Ein KI könnte beispielsweise empfehlen, eine App auf die Anzahl von Klicks hin zu optimieren – ob uns das gesellschaftlich weiterbringt und uns “Menschsein” fördert ist dann aber fraglich… sie Tiktok. Dieses Heft der Verantwortung für das Produkt dürfen wir niemals aus der Hand geben.