Blog

Thomas Immich im Interview: Warum Barrierefreiheit mehr als Pflicht ist

Thomas Immich
Thomas Immich
25. April 2025

Cover UX Interview Odyssee Accessibility

Barrierefreiheit ist kein bloßes Schlagwort – sie ist eine Notwendigkeit. UX-Experte Thomas Immich hat dies am eigenen Leib erfahren: In einem Selbstversuch trug er einen Alterssimulationsanzug, um die Herausforderungen digitaler Barrieren zu erleben. Diese eindrucksvolle Erfahrung bildete den Auftakt für den Podcast „2025: Odyssee Accessibility“, der zum Nachdenken und Umdenken anregt.

Im Interview der GermanUPA mit Thomas Immich ging es um die Beweggründe hinter seinem Selbstversuch, die Erkenntnisse, die er daraus gewonnen hat, und darüber, wie wir gemeinsam digitale Barrieren abbauen können. Ein Gespräch, das nicht nur UX-Professionals, sondern alle, die digitale Produkte gestalten, inspirieren wird.

Lesen Sie das vollständige Interview und lassen Sie sich von Thomas Immichs Erfahrungen und Einsichten motivieren, Barrierefreiheit aktiv in Ihre Arbeit zu integrieren.

Das Interview

GermanUPA: Hallo Thomas, schön, dass du heute bei uns bist. Bevor wir direkt inhaltlich in euren neuen Podcast einsteigen, würde mich natürlich interessieren: Was war der Auslöser für dieses besondere Format? Und vielleicht magst du unseren Zuschauerinnen und Zuhörerinnen auch kurz erklären, worum es in dem Projekt geht und was der Gedanke dahinter war?

Thomas Immich: Ja, sehr gern. Die Idee entstand letztlich durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das dieses Jahr in Kraft tritt. Wir haben uns gedacht: Eigentlich ist es schade, dass es ein Gesetz braucht, damit über digitale Barrierefreiheit überhaupt gesprochen wird. Uns war klar, wir brauchen einen großen Aufschlag – einen „Big Bang“ –, der nicht nur über das Thema spricht, sondern auch etwas erlebbar macht. Unser Ziel war es, Empathie auszulösen. Daraus entstand die Frage: Wie können wir am eigenen Leib erfahren, wie sich Einschränkungen anfühlen? Letztlich geht es ja im UX-Design genau darum: die Perspektive anderer Menschen zu übernehmen und ihre Erfahrungswelt zu verstehen. So kam die Idee zu unserem Projekt zustande.

GermanUPA: Ein wirklich eindrucksvoller Einstieg – gerade mit dem Alterssimulationsanzug. Was war für dich persönlich der eindrücklichste oder überraschendste Moment bei diesem Experiment?

Thomas Immich: Episode eins haben wir bewusst mit dem Alterssimulationsanzug gestartet, weil ich damit am eigenen Körper erfahren wollte, wie sich das Altern anfühlt. Zufällig war an dem Tag auch Deutscher Seniorentag, was ich erst im Radio gehört habe – das passte natürlich perfekt. Ich fand es unglaublich schwer nachzuvollziehen, wie stark Einschränkungen wirklich wirken. Der Anzug war übrigens hier im Gebäude bei Centigrade – wir mussten ihn nur ein Stockwerk tiefer abholen. Ich habe Dr. Meyer-Hentschel gefragt, ob wir ihn ausleihen dürfen, und er hat sofort zugesagt.

In der ersten Episode habe ich den Anzug dann das erste Mal wirklich getragen, ohne ihn vorher ausprobiert zu haben. Das Überraschendste für mich war, wie extrem anstrengend alles wurde. Meine Frau hatte mich noch gewarnt: „Wundere dich nicht, wie anstrengend das wird!“ Aber ich dachte mir: „Naja, ein bisschen Gewicht auf den Schultern, das wird schon gehen.“ Und dann – es ging einfach nicht. Ohne enorme Anstrengung war selbst das Gehen kaum möglich.

GermanUPA: Das kann ich mir gut vorstellen. In der ersten Episode habt ihr euch intensiv mit der App Komoot beschäftigt. Was waren für euch die größten UX-Herausforderungen?

Thomas Immich: Das ist ein interessantes Muster, das sich herauskristallisiert. Unsere Aufgaben sind ja eigentlich ganz simpel: „Zeichne deine Route auf, die du gehst“ – eine einfache Interaktion, die selbst für ältere Menschen machbar sein sollte. Trotzdem war die größte Hürde das Beenden der Route. Ich war völlig erschöpft und wollte einfach nur noch die Aufgabe abschließen. Aber statt eines klaren „Fertig“-Buttons gab es nur Optionen wie „Freunde empfehlen“ oder „Route teilen“. Das war extrem frustrierend, besonders wenn man die App mit einem Screenreader bedient. In dem Moment wollte ich einfach nur noch sitzen und den Anzug ablegen.

GermanUPA: Ganz ehrlich – gab es einen Moment, in dem du das Experiment abbrechen wolltest?

Thomas Immich: Ja, tatsächlich. Sogar zwei Momente. Beim Anschauen des Rohmaterials fiel mir auf, dass ich mich an bestimmte Szenen kaum erinnern konnte – fast so, als hätte mein Körper sie verdrängt. Der erste kritische Moment war, als ich einen Puls von etwa 150 hatte. Ich merkte, wie mein Herz raste, und unter dem Helm bekam ich kaum Frischluft. Das simuliert natürlich auch die eingeschränkte Lungenkapazität im Alter. Mir wurde schummrig, ich riss den Helm hoch – anders hätte ich mich nicht auf den Beinen halten können.

Obwohl das Visier dann offen war, hatte ich weiterhin Schwierigkeiten, genug Luft zu bekommen, weil mein Brustkorb durch die Gewichte so stark eingeschränkt war. Ich konnte nicht tief genug atmen. In dem Moment dachte ich wirklich: „Was mache ich jetzt?“ Ich konnte den Anzug ja nicht einfach ablegen, weil ich das Rucksackgewicht auf dem Rücken hatte. Zwei, drei Minuten hat es gedauert, bis ich mich wieder gefangen hatte. Später, bei einer weiteren Belastungsspitze, habe ich bewusst Pausen eingelegt und darauf geachtet, meinen Puls unter 120 zu halten.

GermanUPA: Das klingt wirklich nach einer intensiven Erfahrung – körperlich und emotional. Großen Respekt dafür!

Thomas Immich: Danke. Ich bin da wirklich komplett naiv reingegangen. Hätte ich gewusst, wie heftig das wird, hätte ich es mir vielleicht zweimal überlegt.

GermanUPA: Welche Denkweisen oder Perspektiven würdest du UX-Designerinnen im Hinblick auf digitale Barrierefreiheit mitgeben?

Thomas Immich: Ganz klar: der Perspektivwechsel ist entscheidend. Selbst wenn man weiß, dass Barrierefreiheit ein Thema ist – es wirklich selbst zu erleben, ist etwas ganz anderes. Es gibt nichts, was eigene Erfahrung ersetzen könnte. Und genau das ist das Problem: Menschen mit Einschränkungen erleben diese Herausforderungen täglich, während wir Designerinnen nur sehr schwer wirklich nachempfinden können, was das bedeutet.

Deshalb haben wir unser Podcast-Format angepasst: In Episode zwei und allen folgenden laden wir betroffene Personen ein. Keine Selbstexperimente mehr. Wir wollen die echte Erfahrungswelt hören – sofern die Personen bereit sind, darüber zu sprechen. Denn echte Empathie entsteht durch Zuhören und Verstehen, nicht durch kurze Simulationen.

GermanUPA: Ein wichtiger Punkt. Gibt es darüber hinaus eine konkrete UX-Regel, die du aus dieser Erfahrung ableiten würdest?

Thomas Immich: Ja, auf jeden Fall: Reduziert Ablenkungen! Was ich gelernt habe: Jede zusätzliche Information, jede unnötige Entscheidung ist eine Belastung. Viele Apps sammeln immer noch zu viele Daten oder blenden unzählige Optionen ein, anstatt sich auf das Kernbedürfnis der Nutzerinnen zu konzentrieren. Für Menschen ohne Einschränkungen mag das noch verkraftbar sein. Aber wenn man sich in einer Situation befindet, in der jede Interaktion Kraft kostet, wird das zur echten Tortur.

Ein weiterer Gedanke: Vielleicht sind traditionelle Paradigmen wie „Seitenstruktur wird vorgelesen“ gar nicht mehr geeignet. Warum nicht einen AI-gestützten, natürlich sprechenden Assistenten einsetzen, der blinden Nutzerinnen auf einfache Weise hilft? Es geht darum, wirklich neu zu denken – und nicht nur bestehende Systeme etwas barrierefreier zu machen.

GermanUPA: Vielen Dank dafür! Du hast ja schon ein paar Ausblicke angedeutet: Was erwartet uns in den nächsten Episoden?

Thomas Immich: Wir haben viele spannende Apps gesammelt. Auf der „Mensch und Computer“ habe ich die Community gefragt, welche Apps sie testen wollen. Booking.com war dabei, genauso wie die Ikea-App und einige Finanzapps. Alltagssituationen stehen bei uns im Fokus.

Mit Booking.com haben wir jetzt schon gedreht. Obwohl die Seite als sehr barrierefrei gilt, war die Nutzung mit Screenreader dennoch extrem mühsam – ein gutes Beispiel, dass selbst „gute“ Lösungen nicht perfekt sind.

In einer späteren Episode wollen wir die Nina-Warn-App oder die Nora-Notrufapp testen, speziell im Kontext gehörloser Nutzerinnen. Gerade in Notfallsituationen muss Kommunikation reibungslos funktionieren – hier geht es nicht nur um UX, sondern letztlich um Menschenleben.

GermanUPA: Das klingt super spannend! Und ich weiß, unsere UX-Community ist oft begeistert, Teil solcher Projekte zu werden. Wie kann man bei eurem Podcast mitmachen?

Thomas Immich: Sehr gern! Ihr könnt einfach über Spotify oder YouTube in den Kommentaren Vorschläge machen oder mich direkt über LinkedIn kontaktieren. Aber: Uns ist wichtig, die Anonymität und den Datenschutz unserer Teilnehmenden zu wahren. Wir filmen nur die Hände, verfremden die Stimmen – niemand muss sich persönlich zeigen. Sicherheit und Schutz stehen für uns an erster Stelle.

GermanUPA: Wirklich gut, dass ihr da so sensibel mit dem Thema umgeht. Zum Abschluss: Bitte beende den Satz „Barrierefreiheit in der digitalen Welt ist …“

Thomas Immich: … genauso wichtig wie in der physischen Welt. Nur weil man digitale Barrieren nicht sieht oder physisch spürt, sind sie nicht weniger relevant.

GermanUPA: Vielen Dank, Thomas, für deine spannenden Einblicke! Ich freue mich schon auf die nächsten Episoden – und vielleicht sehen wir uns hier ja bald wieder.

Thomas Immich: Ich würde mich freuen – und hoffe natürlich auf viele weitere spannende Einreichungen! Vielen Dank.

 

Alles beginnt mit einem guten Gespräch. Lassen Sie uns daher gemeinsam über Möglichkeiten für Ihre digitale Produktentwicklung sprechen. Wir sind gespannt auf Ihre Anfrage.

Senior UX Manager
+49 681 959 3110

Bitte bestätigen Sie vor dem Versand Ihrer Anfrage über die obige Checkbox, dass wir Sie kontaktieren dürfen.