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Kaffee für die Ohren: Wie Death Metal die Produktivität steigern kann

Robin Meyer
14. Juli 2015

Langeweile während der Zugfahrt? Rolling Stones. Wütend im Stau? Slayer. Party mit Freunden? Daft Punk. Mit einem Glas Weinbrand im Ohrensessel verweilend? Chopin. Bandenkrieg? 2Pac. Musik ist im Zeitalter von Streaming-Diensten wie Spotify wahrscheinlich allgegenwärtiger als je zuvor. Mit einem Smartphone in der Hosentasche hat potentiell jeder Mensch zu jeder Zeit Zugriff auf eine riesige Datenbank von Songs. Unsere Lieblingsinterpreten begleiten uns an fast jeden Ort in fast jede Situation. Aber wie sieht es mit der Berufswelt aus? Wann ist Musik hören akzeptiert und kann sie beim Arbeiten tatsächlich helfen? Oder stellt sie eher eine unwillkommene Ablenkung dar?

“What would you do if I sang out of tune? Would you stand up and walk out on me?” – With a Little Help from My Friends, The Beatles

Überall wo ich bisher gearbeitet habe, ist im Büro Musik gehört worden. Häufig sogar gemeinsam. Zumindest gegen das Lauschen mit Kopfhörern sollten die meisten Arbeitgeber nichts einzuwenden haben. Es sei denn natürlich, man befindet sich in einem Job, in dem ständige Kommunikation ein Muss ist. Wer z.B. vorwiegend Telefonate entgegennehmen muss, wird nicht nur ein gestörtes Hörerlebnis haben, sondern vermutlich auch wichtige Anrufe verpassen.

In andersartigen Berufen kann es hingegen ein Vorteil sein, sich zumindest zeitweise von störenden Geräuschen in der unmittelbaren Umgebung abzuschotten. In Großraum-Büros ist man schließlich den Gesprächen anderer ausgesetzt und kann dadurch relativ leicht irritiert werden. Außerdem kann man seinen Kollegen mit aufgesetzten Kopfhörern signalisieren, dass man sich gerade konzentrieren muss. Sie werden sozusagen zum „Do not disturb!“-Schildchen vieler Entwickler, Designer etc. Hierbei gilt natürlich, es mit der kommunikativen Isolation nicht zu weit zu treiben und regelmäßig ansprechbar zu bleiben. Sonst schadet man nicht nur der Zusammenarbeit, sondern zieht möglicher Weise sogar den Missmut Anderer auf sich, die sich ignoriert fühlen.
Kopfhörer als "Do not disturb!"-Schild
Gemeinsames Musikhören gestaltet sich etwas schwieriger und bringt zwei wichtige Grundvoraussetzungen mit sich. Zunächst einmal ist es essenziell, dass man sich auf die Musik einigen kann. Nicht jeder mag Dubstep oder Death Metal und möchte von Stress verursachenden Dissonanzen berieselt werden, während er versucht, einen Berg voller Aufgaben zu bewältigen. DJ Günter Pellner sorgt am Standort Mülheim dafür, dass derartiger „Krach“ nur läuft, wenn wir ausnahmsweise zu zweit im Büro sind.

Er ist außerdem stets bereit, die Lautstärke der Musik anzupassen oder sie auszuschalten, wenn jemand Ruhe fordert, was eine weitere wichtige Voraussetzung ist. Kunden müssen bei Telekonferenzen nicht unbedingt „Kissed by a rose“ im Hintergrund hören, sobald die Stummschaltung auf Centigrade-Seite aufgehoben wird. Schon gar nicht, wenn die Kollegen dabei mit mehr Begeisterung als Talent mitsingen (mich eingeschlossen). Des Weiteren ist es schwierig, sich von Lautsprechern abzuschirmen, ohne einen unbequemen Gehörschutz zu verwenden. Wenn jemand wirklich einmal Stille benötigt, um sich in seine Arbeit zu vertiefen, müssen die Kollegen darauf Rücksicht nehmen. Es scheint generell sinnvoll, sich auf eine Etikette zu verständigen, was vermutlich nur in kleineren Gruppen möglich ist, da jeder mit diesem Satz Regeln absolut einverstanden sein muss.

Aber warum hören wir überhaupt gemeinsam Musik während der Arbeit, wenn es potentiell Probleme mit sich bringt? Dafür gibt es diverse Gründe. Paradoxerweise scheint Musik bei manchen Menschen dabei helfen zu können, Lärm zu ignorieren, statt ihn zu intensivieren. Die Informationstheorie besagt schließlich, dass Informationsübertragung durch Rauschen behindert wird. Solche Informationen können auch ungewollte Dinge wie das Klappern von Tastaturen oder grüblerische Seufzer sein, die durch das musikalische Rauschen ausgehebelt werden. Gleichzeitig ist man jedoch nicht so isoliert wie mit Kopfhörern und kann sich immer noch über arbeitsrelevante Dinge unterhalten.

Ein weiterer Grund ist, dass Musik das soziale Gefüge verbessern kann. Man hat etwas gemeinsam, teilt ein Interesse, mag die gleiche Sache, tut gewissermaßen sogar etwas zusammen (etwas Nebenläufiges, das gleichzeitiges Arbeiten ermöglicht) und hat ein Gesprächsthema. Dadurch erreicht man möglicher Weise verbesserte Teamfähigkeit und eine angenehmere Atmosphäre. Auch wenn sich die streng wissenschaftliche Literatur diesbezüglich eher bedeckt hält, ist der Gedanke vor dem Hintergrund, dass Musik schon seit ihrem Bestehen zu einem Teil sozialer Verbindungen und Zusammenkünfte gemacht wurde, alles andere als abwegig. Man denke nur einmal an Kirchenlieder, Nationalhymnen, Marschmusik, oder die Hippiebewegung.

“I can go… with the flow.” – Go With The Flow, Queens of the Stone Age

Zu diesen Effekten gesellen sich dann eventuell noch Vorteile, die auch beim isolierten Musikhören eine Rolle spielen. So wird von vielen Psychologen der sogenannte Flow zumindest in einigen Arbeitssituationen als erstrebenswert angesehen. Dabei handelt es sich um einen geistigen Zustand, bei dem man völlig vertieft in seine Arbeit ist, die Zeit vergisst und alles wie von selbst zu laufen scheint. Man ist nicht nur hoch konzentriert und produktiv, sondern empfindet dem Flow-Experten Mihály Csíkszentmihályi nach sogar ein Gefühl von Glück. [1] Flow kann dann eintreten, wenn die Aufgabe, mit der man sich auseinandersetzt, weder über- (Anxiety) noch unterfordert (Boredom) und man möglichst keinen Ablenkungen ausgesetzt ist. Wie bereits erwähnt, kann Musik dazu beitragen, unerwünschte Reize auszublenden und demnach vor Ablenkung schützen, was wiederum hilft, in diesen Zustand zu gelangen.
Musik und Flow
Es existieren sogar Studien, die aufzeigen, dass musikalische Untermalung die wahrgenommene Anstrengung bei physisch fordernden Aktivitäten reduziert. [2] Ein Blick auf die Laufbänder in einem Fitnessstudio legt die Vermutung nahe, dass an dieser These etwas dran sein muss. Fast jeder Jogger dort trägt Kopfhörer, um sich von den müden Beinen abzulenken. Nun haben zumindest Büro-Jobs wenig mit Sport zu tun, aber wenn das funktioniert, warum sollte Musik dann nicht auch bei kognitiver Arbeit ein Hilfswerkzeug darstellen, um z.B. die Wahrnehmung von geistiger Ermüdung zu verringern?

Man könnte argumentieren, dass Musikhören bereits eine kognitive Arbeit ist und ähnlichen Beschäftigungen damit in die Quere kommt. Auch darauf gibt es wissenschaftliche Hinweise. Bei einem Experiment, welches die Wirkung von Pop-Songs auf introvertierte und extrovertierte Personen untersuchte, zeigte sich, dass beide Gruppen bestimmte Aufgaben besser bewältigen konnten, wenn Ruhe herrschte. Sie sollten Fragen zu einem zuvor gelesenen Text beantworten sowie sich möglichst viele Objekte merken und anschließend aufzählen. Die Tatsache, dass introvertierte Menschen jedoch größere Probleme hatten, macht deutlich, dass in dieser Hinsicht nicht alle Menschen gleich auf akustische Reize reagieren. [3] Schlaflieder beweisen außerdem, dass Klänge nichts Anstrengendes sein müssen und man vermutlich zwischen Hören (passiv/unterbewusst) und Zuhören (aktiv/bewusst) unterscheiden darf.

Zurück zu den Joggern: Diese hören nicht nur der Ablenkung wegen Musik. Motivation spielt vielleicht sogar eine größere Rolle. Mit dem Rocky-Theme „Eye of the Tiger“ im Rücken kann auch der trägeste Mann einen Marathon bewältigen. So fühlt es sich zumindest manchmal an. Das Stichwort hierbei heißt Mood Management und ist Medienpsychologen schon lange ein Begriff. Dieser Theorie nach können Medien die Stimmung von Menschen beeinflussen und werden zu diesem Zweck auch bewusst von den Rezipienten eingesetzt. Wen die gute Laune bei der Arbeit im Stich lässt, kann also eventuell mit seinem persönlichen Soundtrack gegensteuern.

“Don’t be shocked by the tone of my voice. It’s the new weapon, weapon of choice.” – Weapon of Choice, Fatboy Slim

Das Hören von Musik kann also sowohl im Alleingang als auch in der Gruppe den Arbeitsalltag positiv beeinflussen. Stellt sich noch die Frage, ob es einen Unterschied macht, was die Musik für Eigenschaften hat. Hat beispielsweise der Klassikliebhaber, abgesehen von der geschonten Nackenmuskulatur, einen Vorteil gegenüber dem Headbanger? Im Rahmen einer Studie an der University of Wisconsin hat Frances Rauscher 1993 den sogenannten Mozart-Effekt entdeckt und nachgewiesen, dass die Kompositionen des Österreichers die Konzentration seiner Probanden fördern. [4]

Lange Zeit wurde dies der Beschaffenheit der Musik zugeschrieben, was später jedoch in Frage gestellt wurde. Völlig zu Recht, denn anderen Interpreten und Genres ist in der Studie gar keine Aufmerksamkeit geschenkt worden. Wie sich anschließend gezeigt hat, entfaltet Rock eine sehr ähnliche Wirkung, so lange der Rezipient etwas mit damit anfangen kann. Wenn jemand etwas hört, was ihm nicht gefällt, bleibt der Effekt hingegen aus. Bestimmte unterbewusste Prozesse wurden allerdings nur durch klassische Musik angeregt, was darauf hinweist, dass die persönliche Präferenz vielleicht nicht die einzige Rolle bei der Wahl der Arbeitsmusik spielen sollte.
Klassische Musik oder Rock?

Lautstärke ist ein weiteres Thema. Dass ohrenbetäubender Lärm im Büro nicht vorteilhaft sein kann und eher Kopfschmerzen verursacht, als die Produktivität zu steigern, muss vermutlich nicht debattiert werden. Eine Studie an der University of Chicago hat jedoch gezeigt, dass mäßig laute Hintergrundgeräusche (70 Dezibel) die Leistung bei kreativen Aufgaben positiv beeinflussen. Dies hängt wohl damit zusammen, dass die Informationsverarbeitung leicht gehemmt, dafür jedoch abstraktes Denken angeregt wird. Bei höherer Lautstärke (85 Dezibel) ist wiederum ein Level erreicht, dass der kreativen Arbeit schadet. [5] Es gilt also, den Volume-Regler gut auszubalancieren, um sich die Wirkung der Musik zu Nutze zu machen. Sich hierbei an konkreten Dezibel-Werten zu orientieren mag aber nicht der richtige Weg sein. Lieber auf das subjektive Empfinden Rücksicht nehmen!

Bei Aktivitäten, die Lesen oder Schreiben involvieren (das kann gegebenenfalls auch Code sein) stellt sich die Frage, ob Gesang ähnlich ablenkend wirkt, wie jemand, der bei einer Unterhaltung ständig dazwischen redet. Einzelberichten der Centigrade-Kollegen nach greifen manche Menschen in solchen Situationen tatsächlich auf rein instrumentale Songs zurück. Sprache drängt sich nun einmal leichter in den Vordergrund, gerade wenn es sich um die Muttersprache des Hörenden handelt. Englische Texte während der Arbeit zu ignorieren fällt einem Deutschstämmigen vermutlich einfacher.

“But you don’t really care for music, do ya?” – Hallelujah, Leonard Cohen

Als Fazit dieses Blog-Artikels kann man wohl Folgendes stehen lassen: Wer Musik bei der Arbeit grundsätzlich verteufelt, ignoriert ein einfaches Mittel zur Steigerung von Faktoren wie Konzentration, Kreativität, Motivation oder sogar Teamfähigkeit. Dabei sollte man aber im Hinterkopf behalten, dass Musik spielen nicht in jeder Situation oder bei jeder Aufgabe angebracht ist und außerdem auf soziale Normen abgestimmt werden sollte. Welche Art von Musik man hört scheint eine eher untergeordnete Rolle zu spielen, so lange sie gefällt und den Zuhörern nicht zu laut ist. Das heißt natürlich auch, dass man die Musik trotz des ganzen positiven Potentials niemandem aufzwingen sollte, der sich damit nicht wohl fühlt. Es soll ja schließlich sogar Menschen geben, die mit Musik rein gar nichts anfangen können. Bei Centigrade sieht das allerdings anders aus.

Hier ein Auszug aus den Hörgewohnheiten der Mitarbeiter:

Referenzen

[1] Csíkszentmihályi, M. (2000). Beyond Boredom and Anxiety: Experiencing Flow in Work and Play. San Francisco, CA, US: Jossey-Bass.
[2] Fritz, T. H. et al. (2013). Musical agency reduces perceived exertion during strenuous physical performance. PNAS Vol. 110 No. 44.
[3] Chamorro-Premuzic, T. et al. (2009). The Effects of Background Auditory Interference and Extraversion on Creative and Cognitive Task Performance. International Journal of Psychological Studies Vol. 1 No. 2.
[4] Rauscher, F. H. et al. (1993). Music and spatial task performance. Nature Vol. 365 No. 14.
[5] Mehta, R. et al. (2012) Is Noise Always Bad? Exploring the Effects of Ambient Noise on Creative Cognition. Journal of Consumer Research Vol. 39 No. 4.

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