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Industrie 4.0 und der Faktor Mensch: Thomas Immich im Interview

Thomas Immich
Thomas Immich
26. April 2021

Rampf HMI Dosieranlagen Industrie 4.0

Die Umgestaltung einer traditionellen Industrieanlage hin zur „Smart Factory“ stellt Unternehmen in vielerlei Hinsicht vor große Herausforderungen. Einer der wichtigsten Aspekte neben der Entwicklung und Implementierung neuer Prozesse sowie IoT-fähiger Produktionsanlagen ist der Faktor Mensch. Es gibt eine Vielzahl von Schulungen und Weiterbildungen, die Mitarbeiter für die Maschinen fit machen sollen. Wir bei Centigrade gehen einen anderen Weg und entwickeln User Interfaces, die Maschinen für die Mitarbeiter fit machen. Unser Geschäftsführer Thomas Immich erläutert im Interview, warum Industrie 4.0 mehr ist als neue, vernetzte Maschinen und warum die Schnittstelle Mensch-Maschine neu gedacht werden muss.

 

Frage: Centigrade versteht UX Design und Engineering als strategische Komponente bei der Entwicklung neuer Maschinen, Anwendungen und Prozesse. Was heißt das?

Thomas Immich: Unter dem oft schwammigen Begriff „Strategie“ verstehe ich in erster Linie die Aussage: ‚Lasst uns nicht länger im Zustand des Abarbeitens bleiben, sondern mit effektiven smarten Schritten zu umstoßenden Veränderungen kommen.‘ Dieses Motto lassen wir bei der Entwicklung von Benutzeroberflächen für Maschinen und Anlagen immer einfließen.

Gerade im UX-Bereich zahlt sich eine gute UX Strategie doppelt aus: die meisten Nutzer sind ja ohnehin überfordert mit der Menge an Features, die sich Ihnen jeden Tag aufbürdet. Gegenmaßnahmen müssen also darauf abzielen, den Nutzern deutlich weniger Funktionen zu bieten. Das führt zum einen zu zufriedeneren Nutzern mit mehr Kompetenzerlebnissen, gleichzeitig aber eben auch zu weniger Implementierungskosten, denn viele Funktionen können bereits in der Konzeptphase gestrichen oder zumindest herunterpriorisiert werden.

 

Frage: Industrie 4.0 erhöht den Automatisierungsgrad, vernetzt Maschinen und Prozesse und lässt Maschine und Werkstück miteinander kommunizieren. Welche Bedeutung kommt da der Schnittstelle Mensch noch zu?

Thomas Immich: Eine sehr hohe Bedeutung! Natürlich übernehmen Maschinen und insbesondere auch Roboter immer mehr einfache Handgriffe. Aber in mindestens ähnlichem Maße steigt ja auch die Komplexität der produzierten Güter sowie der Wunsch des Verbrauchers nach Individualisierung. Die flexible Produktion, von der die Industrie 4.0 träumt, ist nur möglich, wenn der Mensch weiterhin einen hohen Stellenwert einnimmt – aber eben mit veränderten Arbeitsaufgaben.

Nehmen wir zum Beispiel einen unserer langjährigen und hoch-innovativen Kunden, SEW-EURODRIVE: Trotz Automatisierung auf höchstem Niveau, ist es auch im Top-Management völlig klar, dass der Mensch der ´Dirigent der Wertschöpfung‘ ist. Diese Wortkreation stammt übrigens nicht von mir, sondern vom visionären Herrn Soder, dem technischen Geschäftsführer von SEW.

Es geht also bei der Industrie 4.0 natürlich um Zukunftsthemen wie Künstliche Intelligenz, Cobotic oder autonome Vehikel. Daher liegt uns die strategische Partnerschaft mit dem DFKI, dem Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz, sehr am Herzen. Aber all die neuen Technologien und Möglichkeiten müssen doch von Menschen verstanden, justiert, gesteuert und verantwortet werden! Da ist eine selbsterklärende und eingängige Benutzeroberfläche
das A und O.

Adaptive Gamification und Predictive Maintenance

Adaptive Gamification und Predictive Maintenance dank künstlicher Intelligenz – UX kann von neuen Industrie 4.0 und Technologietrends massiv profitieren.

 

Frage: Mit welchen Anforderungen treten große Maschinenbau Unternehmen an Sie ran?

Thomas Immich: Natürlich hat jedes Unternehmen, dass unsere UX-Dienstleistungen beansprucht, sehr spezielle Anforderungen. Aber trotz all der Individualität und trotz all der facettenreichen Bestrebungen von Automatisierern, Komponentenherstellern, Serien- und Sonder-Maschinenbauern oder gar Anlagenbetreibern, kann man sagen: am Ende des Tages ist eine übergreifende Anforderung, dass alte, verkrustete Prozesse im Sinne der Nutzer neu gedacht, neu visualisiert und effizienter gemacht werden sollen. Die Nutzer sollen Freude bei der Bedienung erleben und auch ohne Handbuch oder Expertenschulung ihr Ziel erreichen können!

 

Frage: Wie hoch ist der Forschungsanteil bei Centigrade?

Thomas Immich: Unser Forschungsetat hängt immer stark von der wirtschaftlichen Entwicklung des letzten Geschäftsjahres ab. Wir können aber mit Stolz sagen, dass wir gemessen an unserer Mitarbeiterstärke überdurchschnittlich viel in Forschung und Entwicklung investieren. Beispielsweise haben wir regulär immer zwei BMBF-geförderte Forschungsprojekte parallel laufen. Wir streben also die Nähe zu Forschungspartnern wie den Fraunhofer Instituten, dem erwähnten DFKI oder technischen Universitäten proaktiv an, um auch bei der UX-Entwicklung immer wieder über den Tellerrand zu schauen. Es gibt so viele Themen da draußen, deren Zeit zum Teil noch nicht reif sein mag, aber mit Sicherheit bald kommen wird.

Wir bereiten uns also kontinuierlich auf die Situation vor, dass ein Kunde bei uns anfragt und plötzlich in großem Stil einen neuen Ansatz ausrollen möchte, der vor kurzem noch als ´Zukunftsmusik‘ galt. Wir können durch die vielen Forschungsprojekte dann bereits auf zahlreiche Erfahrungen und auch Fehlschläge zurückblicken, die uns und dem Kunden helfen, das größte Risiko eines innovativen Vorhabens zu mildern.

DeepSight AR Augmented Reality Konzept Industrie40

Projekt DeepSight: Eine Zukunftsvision von Centigrade in Zusammenarbeit mit FESTO, die technisch schon heute umsetzbar ist – Monitoring und Steuerung von Maschinen mit Hilfe von AR. Die Brillen müssen jedoch noch ergonomischer und leichter werden, um von den Nutzern akzeptiert zu werden.

 

Frage: Das Saarland hat eine starke Forschungslandschaft, mit einer Vielzahl renommierter Institute, vor allem im IT-Umfeld. Ist die Nähe zur Forschung ein Standortvorteil für Centigrade?

Thomas Immich: Definitiv! Vor allem, was den direkten Standortvorteil am Uni-Campus angeht. Wir lieben die Nähe zum DFKI mit zukunftsweisenden Projekten wie dem Innovative Retail Lab, zum Max-Planck-Institut, dem CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit und natürlich auch zur Universität des Saarlandes.

Natürlich ist die örtliche Nähe Corona-bedingt gerade kein wirklicher Vorteil mehr, aber ich bin mir sicher – das kommt wieder! Und dann bin ich froh, einfach mal wieder fünf Minuten rüber zu schlendern, eine Idee zu diskutieren und wieder zurückzugehen.

Aber das Saarland hat ja glücklicherweise generell keine weiten Wege, daher ist u.a. auch die Zusammenarbeit z.B. mit Festo Polymer, dem ZeMa oder auch dem aufstrebenden Automobil Startup Elexir immer unkompliziert möglich gewesen. Insgesamt sollten wir die konzentrierte IT-, Industrie- und UX-Power Saarbrückens gemeinsam auch in der Außendarstellung schärfen!

 

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